Adam Neuba: Eine Makrowelt, geprägt von wissenschaftlicher Präzision, Metall und Lebewesen
- 1. Juni
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Adam Neuba baut seine Fotografien wie kleine, präzise Experimente auf. Seine künstlerische Welt wurzelt in seinem naturwissenschaftlichen Hintergrund, einer intensiven Auseinandersetzung mit Materie und einem geschärften Blick für Formen, die im Alltag leicht übersehen werden. Als experimenteller Chemiker verbrachte er Jahre damit, neue Moleküle zu entwerfen und zu synthetisieren; in der Fotografie treibt ihn derselbe Impuls an, unerwartete Beziehungen zwischen Lebewesen, Metall, Licht und Raum herzustellen.

Seine Kompositionen beginnen mit einer Idee und entwickeln sich durch Handarbeit, sorgfältige Inszenierung und das ständige Erproben der Beziehungen zwischen den Elementen. Kleine Organismen übernehmen dabei die Rolle der Protagonisten. Stahl, Aluminium und Metallteile stammen häufig aus Werkstattmaterialien, Metallschrott oder Elektroschrott; durch Licht, Reflexion und den Kamerawinkel erhalten sie eine neue visuelle Funktion. Aus dieser Begegnung zwischen Natur und Technologie entsteht ein Bild, das bis ins kleinste Detail durchdacht wirkt und zugleich das Leben und die Unberechenbarkeit seines lebenden Motivs bewahrt.
Inwiefern hat die Arbeit im Labor die Art geprägt, wie Sie Ihre Fotografien aufbauen? Hat Ihnen die Wissenschaft Disziplin und ein Gespür für Struktur vermittelt, oder hat die Kunst Ihren Blick dafür geschärft, auch im Material eine Geschichte zu sehen?
Als experimenteller Chemiker war es viele Jahre lang meine Leidenschaft, die Synthese neuer Moleküle zu planen und umzusetzen. Es ist aber vermutlich nur ein Zufall, dass ich nun als Künstler im Bereich der Makro- bzw. Close-up-Fotografie minimalistische Kompositionen kreiere. Denn die Spezialisierung auf meine Art der Fotografie war ein Prozess und viele Aspekte spielten dabei eine Rolle. Am Anfang experimentierte ich mit einigen Materialien sowie der belebten und unbelebten Natur und untersuchte deren optische Erscheinung durch den Einfluss von Perspektive und Beleuchtung. Es war und ist immer noch ein empirischer Prozess, der die eigenen fotografischen Fähigkeiten durch immer neue Ideen herausfordert und sie damit auf einen bestimmten Stil fokussiert und optimiert.
Meine Bilder sind fast immer von der Herausforderung getrieben, etwas Neues abzulichten oder eine andere Perspektive oder Darstellungsebene in einem, vielleicht auch schon bekannten Motiv aufzuzeigen. Eine fotografische Szene von Grund auf zu entwickeln, strukturiert aufzubauen und dann mit der Kamera festzuhalten, ist einfach ein großartiges Gefühl. Es sind also Parallelen zum „Moleküldesign“ im Labor erkennbar: Es ist oft das Neue und Unbekannte, das mich reizt. Es gibt aber auch Schnittmengen auf der Ebene der persönlichen Eigenschaften wie Geduld, hohe Frustrationstoleranz und ein leichter Hang zum Perfektionismus, die ich auch immer zu meinen beruflichen Anforderungen gezählt habe.
Auf der anderen Seite war ich schon immer ein kunstinteressierter Mensch mit einer Begeisterung für die reale und abstrakte Darstellung von Strukturen, Formen und Texturen. Insofern glaube ich, dass der Künstler und der Wissenschaftler in mir untrennbar miteinander verbunden sind, und das verleiht mir ein gewisses Gespür für Licht, Perspektive, Proportionen und surreale Abstraktion – die wesentlichen Aspekte meiner Bilder.
In Ihren Arbeiten erscheint Natur in eigens konstruierten, fiktiven Szenen. Was können Sie in einem solchen gestalteten Raum zeigen, was sich in einer dokumentarischen Aufnahme kaum auf dieselbe Weise darstellen ließe?
Das Wesen und die Essenz der Dokumentarfotografie ist es, die Realität authentisch wiederzugeben und soziale, historische oder auch alltägliche Ereignisse in einem konzeptuellen Ansatz ohne Inszenierung festzuhalten. Sie dient der Information und Aufklärung, indem sie Geschichten erzählt, die berühren und zum Nachdenken anregen. Der Verzicht auf Bildmanipulation ist hier ein zentrales ethisches Thema, aber auch einzelne Schritte in der Bildbearbeitung werden als kritisch angesehen und unterliegen strengen Grundsätzen.
Kleine Geschichten zu erzählen, ist auch das Ziel meiner Bilder. Geschichten, die so in der Realität natürlich nicht vorkommen, aber die durchaus einen direkten Bezug zu unserer Lebenswirklichkeit besitzen, weil die eingesetzten Motive und Elemente dem Betrachter nicht unbekannt sind. Erst die neuartige und unkonventionelle Verschmelzung dieser Elemente zu einer Einheit ermöglicht dem Betrachter eine unerwartete emotionale Erfahrung außerhalb seiner alltäglichen Welt, aber mit Bezug zu einem aktuellen Thema, das viele Menschen berührt: Natur vs. Technologie.
Ein weiterer Aspekt betrifft die Bildbearbeitung. Das reale Abbild (die Fotografie) meiner Kompositionen stellt immer nur den ersten Schritt der künstlerischen Arbeit dar. Erst in einem zweiten Schritt erzeuge ich durch eine gezielte digitale Nachbearbeitung die endgültige Form meiner künstlerisch-photographischen Vision des Werkes. Dieser Schritt erlaubt es mir, mich als Künstler kreativ und frei zu entfalten, vollkommen unabhängig von den praktischen Einschränkungen, die in der realen Welt der Close-up-Fotografie manchmal zum Tragen kommen.

In Ihren Arbeiten treten Natur und Technologie in denselben Bildraum und fügen sich schließlich zu einer harmonischen Einheit. Was sollen Betrachter:innen zunächst empfinden, bevor sie über die Bedeutung des Bildes nachdenken?
Ich möchte zunächst mit meinen Bildern die Betrachter:innen neugierig machen und eine gewisse Begeisterung wecken, damit sie sich auf eine unbekannte Reise jenseits der alltäglichen Bilderflut einlassen. Zum Nachdenken anzuregen und durchaus auch zu provozieren, gehört selbstverständlich dazu, denn die Resonanz auf meine Bilder fällt ja nicht immer positiv aus. Dass kleine Lebewesen aus ihrer natürlichen Umgebung heraus auf technische Elemente gesetzt werden, wird manchmal durchaus kritisch gesehen.
Wenn Sie mit lebenden Motiven, metallischen Elementen und kontrolliertem Licht arbeiten, hängt vieles von kleinsten Verschiebungen ab. Woran erkennen Sie den Moment, in dem eine Szene bereit ist, fotografiert zu werden?
Das ist schon eine extrem knifflige Angelegenheit. Es erfordert unglaublich viel Geduld, Fingerspitzengefühl und einige Kenntnisse über das Verhalten der Tiere, um schlussendlich ein perfektes Bild zu erhalten. Denn am Ende spielen die Körperhaltung, die Bewegung, ja selbst die Position der Beine und der Fühler eine wichtige Rolle, um ein klares und in der Wirkung abgestimmtes und natürlich wirkendes Gesamtwerk zu erhalten. Über die Jahre hinweg konnte ich hierzu viele Erfahrungen sammeln und besitze jetzt ein gutes Gespür für den richtigen Moment, aber auch dafür, wie das Setting gestaltet sein muss, damit die kleinen Lebewesen möglichst stressfrei und wohlbehalten mein kleines Heimstudio wieder verlassen. Denn nur in einer für die kleinen Lebewesen ruhigen und stressfreien Atmosphäre gelingen wirklich gute Bilder.
Sie haben gesagt, dass Lost In Thought ein Wendepunkt in Ihrer Entwicklung war. Warum gerade diese Fotografie, und was hat sie Ihnen über Ihren eigenen künstlerischen Weg gezeigt?
Inzwischen ist meine Bildersammlung recht umfangreich geworden und mit jedem Werk verbinde ich eine Geschichte oder es hat mich auf besondere Art geprägt. Zwei Bilder stechen für mich persönlich heraus und das sind „Lost In Space“ und „Lost In Thought“. „Lost In Space“ war das erste Bild und eine Art „Türöffner“ in eine fotografische Nische. Es entstand eher spontan und aus einer Experimentierer-Laune heraus. Denn als ich vor ungefähr sechs Jahren mit dieser unkonventionellen Idee startete, war mir nicht klar, wohin die Reise ging, ob das Ganze überhaupt Sinn ergab und vielleicht als kreative Einfallslosigkeit ohne Konzept ganz schnell wieder in der Schublade verschwinden würde. „Lost In Space“ zeigte mir: Daraus könnte etwas werden. Bilder mit Wiedererkennungswert, vielleicht sogar ein eigener künstlerischer Stil.

„Lost In Thought“ prägte mich als Künstler viel nachhaltiger. Es war das erste Bild, über das ich lange nachgedacht und das ich von langer Hand geplant hatte. Es hat viel Mühe und Zeit gekostet. Das Bild hat mir gezeigt, dass manche Dinge in der künstlerischen Arbeit einfach ihre Zeit brauchen. Ideen müssen reifen. Sie entstehen oft spontan und sind nicht planbar. Sei als Künstler authentisch, bleibe deiner Handschrift treu und gestalte lieber zehn exzellente als dreißig mittelmäßige Bilder in einem Jahr.

In Ihren neueren Arbeiten tritt Metall zunehmend in den Vordergrund. Warum fasziniert Sie gerade dieses Material so sehr?
Ich arbeite in der Regel mit Stahl oder Aluminium. Die Materialien sind vielseitig in ihrer Erscheinungsform und sie wirken in einer minimalistischen Darstellung schlicht und zeitlos. Daneben ist die Form- und Strukturvielfalt einfach unglaublich groß. Auch die Oberflächenbeschaffenheit ist veränderbar. Sehr häufig verwende ich Metallelemente, die ursprünglich im Metall- oder Elektroschrott gelandet sind. Das meiste Material ist also schon vorhanden und lässt sich praktischerweise in einer Werkstatt auch schnell anpassen oder bearbeiten.
Die optischen Eigenschaften sind jedoch der wichtigste Aspekt. Metalle zeichnen sich durch hohen Glanz, Undurchsichtigkeit und starkes Reflexionsvermögen aus. Diese Besonderheiten nutze ich, um meine Ideen in Bilder umzusetzen. Gleichzeitig stellen diese Merkmale einen Fotografen vor einige anspruchsvolle Herausforderungen. Denn gerade bei glänzenden Metallen ist das Erscheinungsbild vom Blick- und Beleuchtungswinkel sowie von der Oberflächenstruktur (poliert, geschliffen oder gebürstet) abhängig. Hier sind viel Geduld und Experimentierfreude gefragt.
Ihre Fotografien wirken, als trüge jede von ihnen eine eigene kurze Geschichte. Wie entsteht dieses Narrativ: vor der Aufnahme, während des Arbeitsprozesses oder erst, wenn das Bild seine endgültige Form annimmt?
Der Anspruch, eine Geschichte zu erzählen, war mir von Anfang an sehr wichtig. Jedes fotografische Konzept erhält dadurch emotionale Tiefe, Authentizität und Subjektivität und damit auch eine enge Bindung an den Künstler. Häufig habe ich das fertige Bild und die Geschichte dahinter schon im Kopf und plane dann die Umsetzung. Der Kontext eines Bildes erschließt sich mir manchmal auch im Arbeitsprozess, beim Aufbau oder bei der finalen Ausarbeitung. Letzteres ist aber eher selten der Fall. Das Narrativ entsteht aber auch durch eine einheitliche Reduzierung der Komplexität in meinen Bildern und eine stringente Handschrift in der Darstellung. Damit fügt sich jedes neue Werk nahtlos in das Gesamtbild ein, als wäre es die Fortsetzung einer Geschichte.
In seinen Fotografien wird die Makrowelt zu einem Raum des Erzählens. Der Körper eines Insekts, eine Metalloberfläche, eine Reflexion und ein Schatten gehen eine sorgfältig inszenierte Beziehung ein, in der wissenschaftliche Disziplin und künstlerische Intuition zu einer gemeinsamen Art des Sehens verschmelzen.
















