ewigundendlich: Der Tod mitten im Leben
- 29. Apr.
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In der Serie „ewigundendlich“ verwandelt der Fotograf und Künstler Ron Kuhwede ein Thema, das die heutige Gesellschaft oft aus dem Alltag verdrängt, in einen visuellen Raum aus Nähe, Humor, Irritation und unerwarteter Zärtlichkeit.
Der Tod ist heute zugleich überall präsent und tief verdrängt. Wir begegnen ihm fast täglich in Filmen, Serien, Nachrichten und Kriminalgeschichten. Sobald er jedoch den privaten Raum berührt, den Familientisch, ein Gespräch unter Freund:innen oder die Stille des eigenen Zimmers, wird er zu einem Thema, das wir aufschieben.
In dieser Bruchstelle zwischen öffentlichem Bild und intimem Schweigen beginnt das Fotoprojekt „ewigundendlich“.
Der Titel verbindet zwei gegensätzliche Empfindungen: Ewigkeit und Endlichkeit. Aus dieser Begegnung entsteht eine visuelle Welt, in der sich Leben und Vergänglichkeit über Alltagsszenen, Rituale und menschliche Verletzlichkeit annähern. Seit 2023 schafft der Künstler sorgfältig inszenierte Bilder, in denen sich alltägliche Situationen mit Bestattungskultur, Abschiedsritualen und jenen Gegenständen verweben, die wir gewöhnlich mit dem Ende verbinden. Die Serie ist als Zyklus von 40 Fotografien angelegt, 25 Motive sind bereits realisiert.

In diesen Bildern tritt der Tod aus der vertrauten Bildsprache von Schwarz, Angst und verschlossenen Türen heraus. Bestattungswagen, Sarg, Urne, Hotelzimmer, Park, Aufzug, ein familiärer Moment oder eine gewöhnliche Autopanne werden zu Szenen, in denen sich eine Frage öffnet: Warum sprechen wir über das Ende des Lebens erst dann, wenn uns keine andere Wahl mehr bleibt?
Die Kraft des Projekts entsteht aus der sorgfältigen Balance zwischen der Ernsthaftigkeit des Themas und einer beweglichen, offenen Betrachtungsweise. Humor schafft Nähe und löst die Starrheit, mit der dem Tod häufig begegnet wird. In einer Szene erscheint das Absurde, in einer anderen Trauer, in einer dritten fast filmische Theatralik. Der Künstler verbindet Schmerz und Witz, Ritual und Alltag, Angst und Neugier, Abschied und das Leben, das weitergeht.
Auch die Bildtitel öffnen die Atmosphäre der Serie: „Der trauernde Clown“, „Die Panne“, „Das Sarghotel“, „Aufzug ins Jenseits“, „Bestattung per Versand“, „Die Waldbestattung“ und „Das Geschenk“. Schon diese Titel zeigen, wie Bestattungsikonografie hier in Situationen eintritt, die nach Leben aussehen, nach Bewegung, Nähe und menschlicher Unvollkommenheit.
Der Künstler unterscheidet bewusst zwischen Tod und Sterben. Sterben kann schwer, schmerzhaft und beängstigend sein. Der Tod als Tatsache menschlicher Existenz lässt sich ruhiger, natürlicher und offener betrachten. Aus dieser Unterscheidung wächst die Grundidee des Projekts: einen natürlicheren Dialog über das Ende des Lebens zu eröffnen, jenseits von Angst, Pathos und Schweigen.
Diese Perspektive gewinnt besondere Tiefe, wenn man den größeren kulturellen Rahmen betrachtet. In vielen Kulturen wird der Abschied von den Toten von Farbe, Musik, Tanz, Gemeinschaft und einem Gefühl des Kreislaufs begleitet. In der westlichen Welt wird der Tod häufig mit Stille, Schwere und Rückzug verbunden. Der Künstler nutzt die Fotografie, um eine Frage an unsere Gewohnheiten zu stellen: Was ist mit den Ritualen des Abschieds geschehen, mit der Sprache für Verlust, mit der Fähigkeit, über Vergänglichkeit zu sprechen, bevor sie uns unvorbereitet trifft?
So wächst „ewigundendlich“ über das Thema Tod hinaus und wird zu einer Serie über menschliche Verbundenheit in Momenten, in denen Masken fallen. Über Erinnerung, Angst, Zärtlichkeit, Fürsorge und das, was bleibt, wenn äußere Schichten an Bedeutung verlieren. Verlust macht oft sichtbar, wie sehr Menschen aufeinander bezogen sind, und der Künstler verwandelt diese Nähe in Bilder, manchmal zart, manchmal seltsam, manchmal unerwartet humorvoll.
1979 in Leipzig geboren, arbeitet der Künstler seit 2005 als freier Fotograf. Sein Werk bewegt sich zwischen Porträt, inszenierter Fotografie und künstlerischen Zyklen, die den Menschen unterhalb der Oberfläche erforschen. In „ewigundendlich“ nimmt diese Suche eine besonders sensible Form an: Hinter Särgen, Urnen, Hotelzimmern und Bestattungsfahrzeugen bleiben Menschen, ihre Ängste, Gewohnheiten, Erinnerungen und das Bedürfnis, Abschied irgendwie auszusprechen.

In Vorbereitung sind zudem ein Fotobuch mit geplanter internationaler Distribution sowie eine Ausstellung, die 2027 eröffnet und anschließend in weiteren Städten gezeigt werden soll. Damit wächst das Projekt zu einem umfassenderen visuellen und gesellschaftlichen Gespräch über Abschiedskultur, über unsere Gewohnheiten des Schweigens und über die Möglichkeit, Vergänglichkeit ohne theatralische Dunkelheit zu betrachten.
Der Künstler setzt häufig bei einem humorvollen Detail an, während derselbe Bildraum später Angst, Erinnerung und die Frage öffnet, wie wir über das Ende des Lebens sprechen. Der Tod wird aus der fernen Abstraktion herausgelöst und kehrt zurück zu Menschen, Gegenständen, Bräuchen und den kleinen Unvollkommenheiten des Alltags. Der Künstler schafft Bilder, die eine Frage weitertragen: Wie wollen wir leben, wenn wir wissen, dass alles, was wir lieben, vergänglich ist?
Der Wert von „ewigundendlich“ liegt in der Art, wie der Blick auf das Ende die Aufmerksamkeit auf das Leben zurückführt.
Wenn der Tod einen Platz im Gespräch bekommt, wird das Leben gegenwärtiger, konkreter und kostbarer.
Und Kunst verschiebt, wenn sie ihre feinste Wirkung entfaltet, unseren Blick so behutsam, dass wir die Welt danach ein wenig anders sehen.

Fotografien: Ron Kuhwede














