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Zimmer 607: Kunst, in der man schlafen kann

  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Im Pariser Hotel La Fantaisie hat Szabolcs Bozó eine Suite in eine begehbare Welt aus Zeichnungen, Originalwerken, handbemalten Leuchten, eigens angefertigten Textilien und grossformatigen weichen Skulpturen verwandelt. Die Art Suite kann bis zum 22. Februar 2027 gebucht werden.


KI-generiertes Bild, das den Charakter des Zimmers vermitteln soll; Details und Raumaufteilung können abweichen.

Hinter der Tür von Zimmer 607 tauchen Wesen auf, die an Figuren aus einem unbekannten Bilderbuch erinnern. Sie blicken von Kissen und Tagesdecken, reihen sich an den Wänden entlang und treten als grosse textile Gestalten aus den Zeichnungen hervor. Sobald die handbemalten Lampenschirme leuchten, setzt sich dieselbe Bildwelt im Licht fort.

 

Der ungarische Künstler Szabolcs Bozó entwickelte eine künstlerische Intervention, die sich über die gesamte, 42 Quadratmeter grosse Suite mit Blick auf den Garten von La Fantaisie erstreckt. Das Hotel entfernte die bisherigen Kunstwerke und ersetzte sie durch Arbeiten von Bozó. Zur Installation gehören direkt im Zimmer entstandene Werke, Kissen und Tagesdecken mit zoomorphen Motiven, grossformatige weiche Skulpturen und handbemalte Leuchten. Eine für die Gäste ausliegende Publikation stellt den Künstler und das Projekt vor und informiert zugleich über die Originalwerke, die zum Verkauf stehen.


Wenn Malerei in den Raum einzieht

Bozó übertrug ein Element seines Ateliers in das Projekt: eine vollständig mit Zeichnungen bedeckte Wand. Die Zusammenarbeit eröffnete ihm ausserdem die Möglichkeit, mit Stoffen und Gebrauchsgegenständen zu arbeiten. So können die Gäste seine Kunst durch Berührung und alltägliche Nutzung erleben. Die Begegnung dauert dabei deutlich länger als ein Galeriebesuch.


Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von La Fantaisie.


Diese Verschiebung verändert die Art, wie das Werk wahrgenommen wird. Ein Kissen, eine Tagesdecke oder ein Lampenschirm behält seine praktische Funktion und wird zugleich Teil einer geschlossenen künstlerischen Komposition. In einer Galerie entscheiden die Besucherinnen und Besucher selbst, wie lange sie bleiben und aus welcher Entfernung sie ein Werk betrachten. Hier teilt die Person, die das Zimmer bewohnt, die Nacht, den Morgen und die kleinen Gewohnheiten eines Hotelaufenthalts mit der Installation. Die Arbeiten bleiben im Blick, selbst wenn sich die Aufmerksamkeit einem Koffer, einem Buch oder einer ausgeschalteten Lampe zuwendet.


Vom Bestellblock ins Museum

Szabolcs Bozó wurde 1992 in Pécs geboren und lebt seit 2011 in London. Mit neunzehn Jahren zog er in die britische Hauptstadt, um Englisch zu lernen. Während seiner Arbeit als Kellner fertigte er Hunderte Zeichnungen auf Bestellblöcken an, die er später in einem Atelier über dem Restaurant auf grössere Formate übertrug. Er veröffentlichte sie auf Instagram, wo ein spanischer Galerist 2018 auf seine Arbeit aufmerksam wurde und ihn zu einer Künstlerresidenz auf Mallorca einlud.


Szabolcs Bozó - studio portrait - Courtesy of the Artist and Csongor Bozó
Szabolcs Bozó, Studioporträt. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und Csongor Bozó.

Eine frühe Inspirationsquelle für seine Figuren war Henry, ein rundlicher Staubsauger mit einem aufgedruckten lächelnden Gesicht, den Bozó im Restaurant benutzte. Für einen Künstler, der Gegenständen und Tieren so häufig menschliche Eigenschaften verleiht, ist das ein durchaus passender Ausgangspunkt. Seine Figuren greifen zudem auf die Bildwelten ungarischer Animationsfilme und auf folkloristische Traditionen zurück. Bozó selbst hat jedoch erklärt, dass er diese Einflüsse während seiner Kindheit nicht bewusst in seine Zeichnungen einfliessen liess.

 

Seine Karriere führte ihn bald über das Internet und kleinere Galerien hinaus. Einzel- und Museumsausstellungen waren unter anderem im M Woods Museum in Peking, im Sifang Art Museum in China, im Ludwig Museum und bei NEO Contemporary in Budapest sowie bei Semiose und Almine Rech zu sehen. Seine Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen bilden heute eine unverwechselbare Bildwelt anthropomorpher Wesen, leuchtender Farben und eines bewusst spontanen Duktus.

Das Hotel als Ausgangspunkt

La Fantaisie verfügt über 63 Zimmer und zehn Suiten in der Rue Cadet im 9. Arrondissement von Paris. Martin Brudnizki gestaltete die Innenräume und verband markante Muster, intensive Farben, Textilien, handgefertigte Mosaike und botanische Bezüge. Bozó traf somit auf ein Umfeld, das bereits über eine ausgeprägte visuelle Identität verfügte.


9569 LA FANTAISIE
Image credits: La Fantaisie

Seine Intervention verstärkt die bestehende Vorliebe des Hotels für Farbe und Ornament und verbindet sie mit der Bildsprache eines einzelnen Künstlers. Die Zusammenarbeit folgt auf ein früheres Projekt des französischen Künstlers Ben Arpée und ist Teil einer Reihe von Künstlerresidenzen des Hotels. Zimmer 607 erfüllt damit zwei Funktionen: Es bleibt eine buchbare Hotelsuite und wird zugleich zu einer temporären, von einem Künstler gestalteten Installation.


Werke, die für die Suite entstanden sind

Die im Zimmer ausgestellten Originalwerke können erworben werden. Aus der Zusammenarbeit ging ausserdem eine Kollektion mit Caps, Stickern, Spielkarten und Tabletts hervor. Die neben dem Bett ausliegende Publikation enthält weitere Informationen über den Künstler und das Projekt sowie Angaben zu den verfügbaren Arbeiten. Zum Schutz der ausgestellten Kunstwerke verlangt das Hotel bei der Ankunft eine Vorautorisierung in Höhe von 1.200 Euro.


Die Art Suite kann bis zum 22. Februar 2027 gebucht werden. In Zimmer 607 bleibt Bozós Kunst vom letzten Licht des Abends bis zum ersten Blick nach dem Aufwachen Teil des Erlebnisses.



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