ANJA WERNER
- AH Magazine

- 16. Jan.
- 9 Min. Lesezeit
Handwerk als Grundlage, Skulptur als Erzählung, Hoffnung als Prinzip

Anja Werner entwickelt ihre Arbeit aus dem Wissen der Werkstatt, aus einer langen Beziehung zum Holz und aus einem feinen Verständnis für Konstruktion und präzise Ausführung. Ihre künstlerische Praxis wuchs aus der Ausbildung im Tischlerhandwerk sowie aus dem Studium der Holzgestaltung. Danach öffnete sie sich der Skulptur als erzählerischem Raum. Einen entscheidenden Wendepunkt markierte ihr Aufenthalt in Tansania, in Mtwara, wo sie bei Makonde-Schnitzern das Handwerk des Schnitzens erlernte und Kunst als alltägliche Sprache von Symbolen, Rhythmus und Gemeinschaft erlebte. In diesem Gespräch spricht sie über das Spalten des Holzes als Anfang der Form, über Patina und Spuren als Schichten der Geschichte, über Farbe, Zeichnung und Collage als gleichwertige Elemente der Skulptur sowie über die Rolle der Lehre in ihrem Denken und Arbeiten. Das Gespräch eröffnet einen Einblick in die Art, wie sie denkt, arbeitet und Geschichten entwickelt, stets ausgehend vom Material und von Erfahrung.
Ihr Weg begann mit der Ausbildung zur Bau und Möbeltischlerin und führte Sie über das Studium der Holzgestaltung in eine eigenständige künstlerische Praxis mit eigener Werkstatt. Was hat Ihnen das Handwerk als Fundament gegeben, und wann spürten Sie, dass Sie nicht mehr nur Dinge bauen, sondern eine eigene künstlerische Sprache entwickeln?
Die Ausbildung zur Bau- und Möbeltischlerin bildet mein Fundament. Ich sehe sie heute als eine Annäherung an den Werkstoff Holz, fast wie ein mehrstufiges Kennenlernen. Erste Erfahrungen sammelte ich zuvor, als ich bei dem Künstler Johannes Feige in meiner Nachbarstadt Glauchau den klassischen Kerbschnitt erlernte. In der Tischlerausbildung vertiefte sich dann der intensive, konstruktive Umgang mit dem Material: Ich lernte den Einsatz von Maschinen, die Eigenheiten verschiedener Holzarten und die Methoden der Bearbeitung kennen.
Besonders faszinieren mich die Holzverbindungen. Sie sind sichtbar, ehrlich und für mich nicht nur funktional, sondern auch ornamenthaft. Diese Offenheit der Verbindung - das Zeigen dessen, was trägt - berührt mich sehr. Zudem erlebe ich das Holz als geduldig und zugleich widerständig. Ich musste lernen, dem Material zu folgen, statt es einfach nur zu benutzen.
Im Studium der Holzgestaltung traf ich mit Hans Brockhage auf einen Professor, der früh erkannte, dass mich das Design von Stühlen oder Ausstellungssystemen weniger interessierte, als das Erzählen in Holz. Er öffnete mir den Blick auf künstlerische Positionen wie Louise Nevelson, Barbara Hepworth und Henry Moore, aber auch auf die poetischen Figuren des erzgebirgischen Männelschnitzers Karl Müller aus Seiffen. Vor allem gab er mir den Raum, eigene künstlerische Themen zu entwickeln. Ein prägender Schritt war seine Unterstützung meines Wunsches, nach Tansania zu reisen und bei den Makonde das Schnitzen zu erlernen. Dort erfuhr ich die Holzbildhauerei als selbstverständliche Verbindung von Handwerk und künstlerischem Ausdruck. Diese Erfahrung hat mein Verständnis von Skulptur nachhaltig geprägt.
Rückblickend sind sowohl das Tischlerhandwerk als auch die Holzbildhauerei ein tragendes Fundament meiner Arbeit. Die Vielfalt der erlernten und erfahrenen Sichtweisen aus Design, Handwerk und Bildhauerei machte es mir möglich, meine künstlerische Praxis zu entwickeln. In den darauffolgenden Jahren fanden meine Hände allmählich zu dem, was meine Augen und mein inneres Sehen längst vorausgedacht hatten.
Anja Werner: Hüterinnen | Combo | Frauenbilder
1991 verbrachten Sie 4 Monate in Mtwara, in Tansania, und lernten Holzschnitzen bei den Makonde Schnitzern. Was hat diese Zeit dauerhaft in Ihnen verschoben, und woran merken Sie heute noch, dass dieses Erlebnis Ihren Blick auf Form, Rhythmus und Symbol geprägt hat?
Die vier Monate in Mtwara, Tansania, haben mein Leben mit Kunst und meinen Blick auf Material verändert.
Die Menschen, Begegnungen, Gerüche, Geräusche, die Vegetation, die rote Erde und die Wärme eröffneten mir eine neue Wahrnehmung dessen, was Kunst sein kann.
In Verbindung mit den einfachen Lebensbedingungen wurde mir noch deutlicher, wie weit Kunst über das Gewohnte hinausreichen kann. Besonders beeindruckt hat mich die erzählerische Kraft des gelebten Alltags und der Fantasiegestalten im schwarzen Holz. Die Form ordnete sich dem Material und der Geschichte unter; die Makonde machten die Welt der Träume durch Symbole begreifbar. Die Rhythmen des afrikanischen Lebens zeigten sich in allen Ausdrucksformen der Kunst - in Musik, Tanz und Skulptur ebenso wie in der Gestaltung alltäglicher Gegenstände - und brachten dabei die Freude am „Lebendig Sein“ unmittelbar zum Ausdruck.
Erst mit zeitlichem Abstand und im Nachdenken über diese Erfahrung wird mir bewusst, dass mich diese Art des Erzählens nicht nur beeindruckt hat, sondern dass ich versuche, sie mir in meiner eigenen künstlerischen Welt und Praxis zu erhalten.
Ich durfte Kunst abseits von Galerien und Museen entdecken, die mich tief berührte, gerade weil sie nahbar war. Ihre Kraft lag in der Einfachheit der Erzählung, in ihrer Direktheit und zugleich poetischen Form. Beeinflusst hat mich die Freiheit, mit der diese Kunst die Grenze zwischen Realem und Surrealem überschreitet, dem Material Raum lässt und seinen Selbstlauf respektiert.
Die Makonde machten erfahrbar, wie reich an Ausdruck das Wenige sein kann. Aus dieser Haltung entstand für mich ein tiefes Verständnis für das Kleine - in der Kunst wie im Leben.

In Ihrer Spaltholzserie beginnt vieles mit dem Spalten, entlang von natürlichen Rissen und Strukturen, die bereits im Holz angelegt sind. Wie verhandeln Sie in der Praxis mit diesem „Eigenwillen“ des Materials, wo geben Sie nach, wo bleiben Sie konsequent, und woran erkennen Sie den Augenblick, in dem die Figur wirklich gefunden ist?
Für mich ist es ein gegenseitiges Verhandeln während des gesamten Prozesses. Mal fühle ich, dass die Form stimmt, mal spüre ich, dass ich noch einmal von vorn beginnen muss. Es ist ein ständiger Dialog, ein Ausloten zwischen Material, Intuition und Erfahrung. Genau in diesem Prozess liegt für mich der Zauber der Arbeit - etwas, das ich nicht vollständig greifen oder erklären möchte.
Ihre Arbeiten wirken, als kämen sie aus Alltag, Nachbarschaft und Stadt, und zugleich aus Traumräumen, sodass sich das Reale und das Fantastische ganz selbstverständlich berühren. Was setzt bei Ihnen eine Geschichte in Gang, ein konkreter Moment aus dem Leben, ein Satz, den Sie aufschnappen, oder ein inneres Bild, das während der Arbeit auftaucht?

Von allem etwas. Manchmal genügt ein Wort, das ich zufällig aufnehme, und in meinem Kopf entstehen ganze Analogien. Ich sehe Bilder, verknüpfe Welten, drehe Gedanken bewusst auf den Kopf und probiere spielerisch neue Verbindungen - oft mit einem Augenzwinkern oder humorvollen Assoziationen. Manchmal ist es eine Begegnung, eine Haltung, eine Geste, die eine Abfolge von Formen, Gestalten und Interpretationen vor meinem inneren Auge entstehen lässt. Ich erweitere sie und führe sie bewusst ins Surreale. Am besten gelingt mir das beim Wandern allein.
Gleichzeitig möchte ich den Augenblick festhalten - eine kleine Beobachtung, den Spaß an grotesken Momenten und Zufällen genießen und sie teilen. Meine Arbeitsweise ist dabei eng mit dem Sammeln verbunden: Wörter, Zitate, Bildfunde, Entdeckungen über Flora und Fauna sowie Ideenskizzen in meinen Skizzenbüchern fließen zusammen und dienen als Schatz, aus dem ich später schöpfe. Ich beobachte Zusammenhänge, erkenne Muster und erweitere sie in neuen Kontexten - real und surreal verschmelzen für mich untrennbar. Aus dieser fortlaufenden Praxis entstehen Formen und Geschichten, die ich immer wieder aufgreife, weil sie in meine künstlerische Sprache passen und mir helfen, die Welt zu verstehen, zu deuten und auszuhalten.
Bei Ihnen berühren sich Skulptur und Bild oft direkt. Farbe, Zeichnung, Druck, Collage und Relief stehen nicht als Dekor, sondern als gleichwertige Stimmen im Werk. Viele Arbeiten wachsen zudem auf gefundenen, bereits gelebten Holzoberflächen mit Patina. Was fasziniert Sie an dieser „Erinnerung“ im Material, und wie entscheiden Sie, wann ein Werk als reine Figur stehen bleibt und wann es nach Schichten von Bild, Grafik und Collage verlangt?
Ich liebe die Freiheit, Malerei und Grafik auf einer Skulptur einzusetzen, ohne sie einer festen Kategorie zuordnen zu müssen. Diese Möglichkeit entspringt meiner Suche nach Ausdruck in einer Welt, die mich immer wieder fasziniert. In mir wuchert ein Überfluss an Gedanken und Ideen, sodass es oft schwerfällt, die Geschichte auf den Punkt zu bringen. Beim Schichten von Kreide, Tusche und Buntstiften auf Holz entstehen Übergänge voller zufälliger Poesie - Offenheit, die mich jedes Mal neu erfreut.
Besonders faszinierend ist für mich die „Erinnerung“ im Material: die Spuren, die Patina, die Geschichten, die es bereits in sich trägt.
Wenn ich mit diesen vorhandenen Erinnerungen arbeite, entstehen Momente des unverhofften Findens. Alles ist schon da - ich entdecke, verknüpfe neu, doch hunderte Jahre vor mir wurde manches schon genauso getan. Dieses Bewusstsein, Teil einer endlosen Serie, einer Wiederholung, eines größeren Ganzen zu sein, schenkt mir Stabilität und Verbundenheit.
In dieser Freiheit liegt auch die Freude am Tun - am immer wieder Neugestalten. Die Stimmen von Skulptur, Malerei, Grafik, Collage und Relief begegnen sich auf Augenhöhe, jede trägt zur Erzählung bei. Diese Sprache ist so reich, vielfältig und grenzenlos, dass es für mich das Schönste ist, mich nicht entscheiden zu müssen, sondern in der Vielfalt zu bleiben und den Dialog zwischen Material, Form und Farbe fließen zu lassen.
Sie arbeiten seit vielen Jahren auch als Lehrende, und seit 2012 haben Sie die Kunstgruppe Art Collectiv in Plauen gegründet und geleitet. Was gibt Ihnen die Arbeit mit Studierenden und jungen Künstlerinnen und Künstlern zurück, und verändert dieser Dialog manchmal Ihren eigenen Blick, Ihre Routinen oder sogar Entscheidungen im Atelier?
Ich habe das Gefühl, durch die Lehre und mein eigenes künstlerisches Tun sehr stabil auf zwei Beinen zu stehen - im künstlerischen Kontext ebenso wie im Leben mit der Kunst. In der Lehre genieße ich besonders den Austausch, die Kommunikation und die Vielfalt unterschiedlicher Sichtweisen und Deutungen unserer Welt. Sie gibt mir die Möglichkeit, meine eigenen Ansätze, Methoden und Interpretationen zu schärfen, sie weiterzugeben und zugleich immer wieder zu hinterfragen und neu zu ordnen.

Zudem staune ich immer wieder über die gestalterische Kraft, die durch meine Unterstützung in einer aktiv begleitenden Lehre freigesetzt werden kann. Die daraus entstehende Freude und die vorantreibende, suchende Energie wirken auch auf mich selbst zurück – es ist immer eine Gegenseitigkeit.
Ich habe große Freude an konträren Positionen, an differenzierten Wahrnehmungen, aber auch an Übereinstimmungen und der gemeinsamen Festigung von Strukturen. Besonders interessieren mich seit jeher die Sicht- und Arbeitsweisen von Kindern und Jugendlichen sowie von Menschen, die nicht künstlerisch ausgebildet sind, aber dennoch künstlerisch gestalten. In Workshops und Kunstzirkeln erlebe ich dort eine intensive Suche nach Sprache und Ausdruck - getragen von einer Offenheit und Freude, die vermeintliche Grenzen mühelos überschreitet und gängige Regeln außer Kraft setzt. Diese naive, unmittelbare und nahbare Art des Gestaltens berührt mich immer wieder und wirkt bis in meine eigene Arbeit hinein.
Sie mögen den Gedanken: „Kunst ist die höchste Form von Hoffnung.“ 2025 zeigten Sie Arbeiten unter dem Titel „ZUGABE: ZWITSCHERN“ in Chemnitz, und bei Huntenkunst 2025 in Ulft erhielten Sie eine ehrenvolle Erwähnung durch lettische Künstlerinnen und Künstler, die 3 Positionen auswählten, die sie gemeinsam am stärksten berührten. Wo wird für Sie Hoffnung in der Kunst konkret, in der Geschichte, im Humor, in der Farbe, im Material, oder in der Begegnung mit dem Publikum? Und was möchten Sie 2026 thematisch oder formal neu öffnen?
In einer Zeit, in der verbale Kommunikation oft brüchig geworden ist und das greifbare Gegenüber in der digitalen Welt zunehmend verloren geht, setze ich in meiner Arbeit das Erleben der tatsächlich körperhaft erfahrbaren Skulptur, Malerei und Collage entgegen. Diese analoge, sinnlich begreifbare Erfahrung schafft Nähe und berührt auf emotionaler Ebene. Für mich liegt darin eine besondere Kraft der Kunst: Sie spricht eine Sprache jenseits der Worte - die Sprache der Emotionen. Ich berühre etwas in Betrachtenden, direkt oder indirekt, erzählerisch oder durch die Unvollkommenheit im Realen, durch das eigensinnig lebendige meines Materials und die Offenheit der Deutung.
Genau hierin liegt für mich Hoffnung: im universalen Verstehen, im Überschreiten von Grenzen und in der Möglichkeit einer friedlichen, wortlosen Kommunikation.
Foto: Vanessa Kessel; Werk von Anja Werner, Geschnatter, 2023 | Taubenhaucher, 2025, Anja Werner | Paloma, mein Täubchen, 2025, Anja Werner
Die Freiheit, meine Themen selbst zu suchen, ist dabei zentral. Dieses Suchen, verbunden mit der Hoffnung zu finden, ist für mich bereits gelebte Hoffnung. Hinzu kommt die wunderbare Möglichkeit des zufälligen Findens - ein Moment, der sich nicht planen lässt und der mich in meiner künstlerischen Arbeit trägt. Humor und eine gewisse Narrenfreiheit begleiten diesen Prozess: Schräge, skurrile Ideen öffnen andere Ebenen, lassen den Ausgang bewusst offen und schenken mir Freude und Zufriedenheit.
Aktuell arbeite ich am Thema „Äquinoktium - Tagundnachtgedanken“. Es geht mir um das gleichzeitige Vorhandensein von Gegensätzen und um die fragile Balance, die zwischen ihnen entsteht: Geburt und Tod, Tag und Nacht, Frieden und Krieg, Hell und Dunkel, oben und unten. In diesem Gleichgewicht liegt für mich eine Vorstellung von Frieden und damit von Hoffnung. Es ist der Versuch, stabil zu bleiben, ein Gegengewicht zu finden und zugleich Teil einer endlosen Bewegung zu sein - einer Faltung, einer Wiederholung. In jeder Position und auf jeder Ebene gehalten und zugehörig zu sein, wird in der Kunst erfahrbar und ist für mich ebenfalls eine wohltuende Form von Hoffnung.

Das Gespräch mit Anja Werner gibt einen klaren Einblick in eine Praxis, die in der Disziplin des Handwerks beginnt und sich in der Freiheit künstlerischen Denkens weiterentwickelt. Holz bleibt in ihrer Arbeit ein aktiver Partner. Aus Rissen, Strukturen, Patina und dem Widerstand des Materials entstehen Form und daraus Erzählung. In diesem Prozess verbindet sie Skulptur mit Zeichnung, Farbe, Grafik und Collage und schafft Arbeiten, die Zeitspuren, Humor, persönliche Erfahrung und das Bedürfnis nach einer unmittelbaren, sinnlichen Begegnung in sich tragen. Ihr aktuelles Thema ‚Äquinoktium - Gedanken zu Tag und Nacht‘ bündelt ihr Interesse an Balance und Spannung zwischen Gegensätzen. Zugleich spiegelt es ihren Glauben an die Möglichkeit einer stillen, klaren Kommunikation durch Form und Material.
Anja Werner - Holzgestalten


















