top of page

Wie ein Raum seinen Charakter erhält

  • vor 3 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Ursprünglich erschienen im AH Magazine, International Issue No. 7.

Hier für Abonnentinnen und Abonnenten in einem mobilfreundlichen Format aufbereitet.

Interieur. Material und das Erbe der dekorativen Künste


Abbaye des Vaux de Cernay. 
All photographs: Constance E.T. de Tourniel.
Abbaye des Vaux de Cernay. Photo: Constance E.T. de Tourniel.

Die Architektur legt die Proportionen eines Raumes fest, das Material bestimmt, wie wir ihn erleben. Deckenhöhe, Wandverhältnisse und das Licht, das durch Öffnungen einfällt, geben dem Interieur seine Struktur, während Textilien, Farben und Oberflächen seine Atmosphäre formen. Stoffe reagieren auf Licht, beeinflussen die Akustik, bringen Haptik und Bewegung ein und verbinden die einzelnen Elemente eines Raumes zu einer stimmigen Einheit.


„Ein Raum beginnt dann einen eigenen Charakter zu entwickeln, wenn Materialien, Farben, Texturen und Licht miteinander in Beziehung treten. Textilien bringen in diesem Zusammenspiel eine besondere sinnliche Dimension ein: Sie verleihen Tiefe, Weichheit und Bewegung, wirken sich aber auch auf die Akustik und das Gefühl von Wärme im Raum aus.“


Diese Rolle des Textils ist tief in der europäischen Wohnkultur verankert. Tapisserien, Wandbespannungen und dekorative Stoffe haben über Jahrhunderte hinweg die Innenräume von Häusern, Palästen und öffentlichen Gebäuden geprägt und zugleich Werkstattwissen, Webtechniken und den Umgang mit Materialien bewahrt. Das zeitgenössische Interieur führt diese Tradition mit anderen Mitteln fort – durch neue Kompositionen, moderne Proportionen und ein verändertes Verständnis vom Leben im Raum.


Aysseline Guerre, Maud Boudet und Niamh Wright aus dem Kreativstudio von Pierre Frey beschreiben Textilien als ein Material, das einem Interieur Tiefe, Weichheit und Bewegung verleiht. Neben dieser sinnlichen Qualität beeinflussen Stoffe auch die Akustik und das Wärmeempfinden und geben einem Raum einen volleren, abgerundeten Ausdruck. Paris trägt eine lange Tradition der dekorativen Künste in sich, wodurch Gespräche über Textilien, Handwerk und Interieur in dieser Stadt einen erweiterten kulturellen Kontext erhalten. In ihrer Beschreibung vereint Paris Raffinesse und Eklektizismus, während Geschichte und Gegenwart eine gemeinsame visuelle Sprache des Raumes prägen.


In diesem kulturellen Umfeld hat sich auch die Arbeit des Hauses Pierre Frey entwickelt. Das 1935 gegründete Familienunternehmen arbeitet heute im ständigen Dialog zwischen Kreativstudio, historischem Archiv und einem Netzwerk von Werkstätten, die unterschiedliche textile Techniken bewahren. Aus diesem Zusammenspiel von Wissen, Archiv und Material entstehen Kollektionen von Stoffen, Tapeten, Teppichen und Möbeln.


Das Archiv des Hauses umfasst mehr als 30.000 Dokumente und textile Muster aus dem 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart, darunter die Bestände der Häuser Braquenié, Boussac, Fadini Borghi und Le Manach. Für die Designer im Studio ist diese Sammlung ein Arbeitsraum, in dem Gewebestrukturen, Farbverhältnisse und historische Motive untersucht werden, bevor sie in neue Kollektionen einfließen.


Lapérouse ©Constance E.T. de Tourniel


Der Umgang mit solchem Material erfordert ein präzises Verständnis des zeitgenössischen Interieurs. Proportionen, Lichtverhältnisse und Lebensweisen haben sich gegenüber früheren Jahrhunderten verändert, sodass historische Muster durch eine sorgfältige Anpassung von Maßstab, Farbe und Material in heutige Räume übertragen werden. In diesem Prozess erhält ein Motiv aus dem Archiv eine neue Funktion und einen neuen Kontext.


„Geschichte verläuft in Zyklen. Um die Gegenwart zu gestalten, greifen wir immer wieder auf die Vergangenheit und das damit verbundene Handwerk zurück. Unsere Arbeit beginnt im Archiv, doch es geht nicht darum, Geschichte zu wiederholen, sondern sie durch zeitgenössisches Design neu zu interpretieren.“ Gerade diese Freiheit der Interpretation ermöglicht es, dass ein Motiv aus dem Archiv im heutigen Interieur mit neuer Maßstäblichkeit und Intensität erscheint.


Eine der zentralen zeitgenössischen Funktionen von Textilien liegt in ihrer Fähigkeit, feine Übergänge zwischen offenen und intimen Räumen zu schaffen. Eine Wand trennt Raum eindeutig, Glas öffnet ihn vollständig, während Textilien eine differenzierte Beziehung zwischen Sichtbarkeit, Privatsphäre und Nutzungswandel ermöglichen. Deshalb kommen sie in aktuellen Projekten verstärkt dort zum Einsatz, wo Räume offen bleiben sollen, ohne vollständig preisgegeben zu sein.


Auch der Stellenwert der Oberfläche hat sich verändert. In der zeitgenössischen Arbeit mit Textilien steht nicht mehr allein die Ornamentik im Vordergrund, sondern ebenso Relief, Volumen und die Fähigkeit des Materials, Schatten, Rhythmus und räumliche Spannung zu erzeugen. Wenn Pierre Frey von einem Übergang von der flachen Fläche zur skulpturalen Dimension spricht – etwa durch Stickerei, strukturierte Gewebe oder dreidimensionale Teppiche –, wird deutlich, dass Textilien heute nicht nur Räume verkleiden, sondern sie räumlich gliedern. Darin liegt auch ihre tiefere Bedeutung in der Gegenwart. Textilien stehen in einem ausgleichenden Verhältnis zur Architektur, sie mildern deren Strenge, ohne ihre Logik aufzulösen. Räume, die stark durch textile Elemente geprägt sind, wirken dadurch weniger institutionell und näher am gelebten Alltag, da Textilien Veränderung, Rückzug und unterschiedliche Grade von Präsenz zulassen, ohne dass in die bauliche Struktur eingegriffen werden muss.


Appartement Pierre. Photography © Philippe Garcia.


Über Jahre hinweg hat Pierre Frey ein Netzwerk von Werkstätten aufgebaut, das spezifische Fertigungstechniken bewahrt und Wissen von einer Epoche in die nächste weiterträgt. Innerhalb dieses Gefüges nimmt das Haus Le Manach mit seiner Tradition des Handwebens eine besondere Stellung ein. Diese Form der Herstellung verlangt Zeit, Erfahrung und Präzision und verleiht dem Material Dauerhaftigkeit, Dichte und Charakter.


Auf die Frage nach einem Interieur, in dem Textilien den Charakter eines Raumes besonders deutlich prägen, verwies das Studio auf die Wohnung des Kommunikationsdirektors Pierre Frey, Enkel des Firmengründers. In der kürzlich renovierten Wohnung wurden die Wände mit Toile de Tours aus dem Haus Le Manach verkleidet, einem Textil, das sich individuell anpassen lässt, bei dem Motiv, Garnart und Farbigkeit gewählt werden können. Für dieses Interieur wurde das Motiv BOSQUET ausgewählt und als Wandbespannung eingesetzt, sodass das Textil zum dominierenden visuellen Element des Raumes wird. Die Wand erhält dadurch eine haptische Qualität, während das Material die Atmosphäre über das Zusammenspiel von Licht, Farbe und Struktur formt. Das Nachdenken über Interieur im Studio von Pierre Frey führt immer wieder zurück zum Verhältnis zwischen Raum und den Menschen, die ihn gestalten. Persönliche Materialentscheidungen, die Freiheit im Kombinieren und die Freude am Gestalten des eigenen Umfelds prägen die Atmosphäre eines Raumes.


Im Raum verbinden Textilien die Struktur mit dem gelebten Alltag. Sie verändern die Akustik, lenken den Blick, dämpfen oder verstärken das Licht und verleihen dem Raum eine Schicht, die sowohl visuell als auch physisch erfahrbar ist. Genau an dieser Schnittstelle von Material, Handwerk und zeitgenössischem Leben entwickelt sich die Arbeit von Pierre Frey weiter – durch Archiv, Studio und Werkstätten, die gemeinsam ein Interieur formen, das als Ganzes einen klaren und eigenständigen Charakter besitzt.


Maison Revka. Photography: Constance E.T. de Tourniel.
Maison Revka. Photography: Constance E.T. de Tourniel.

„Die Tiefe eines Interieurs entsteht durch die Art und Weise, wie es bewohnt wird. Die Freiheit, einen Raum zu gestalten, und die Bereitschaft zum Spiel führen oft zu einem Interieur mit starkem persönlichem Charakter.“


Über Maison Pierre Frey

Pierre Frey ist ein familiengeführtes französisches Haus, gegründet 1935 in Paris, das Textilien, Tapeten, Teppiche und Möbel für den Innenraum entwickelt. Über sein Kreativstudio, sein historisches Archiv und ein Netzwerk von Werkstätten entstehen Kollektionen, die die Tradition der dekorativen Künste mit zeitgenössischem Design verbinden. Zum Haus gehören außerdem die historischen Marken Braquenié, Boussac, Fadini Borghi und Le Manach.



Dieser Artikel ist Teil der Ausgabe Nr. 7 des AH Magazine.

Die vollständige digitale Ausgabe finden Sie in Ihrer privaten Digital Library.

bottom of page