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Seid realistisch, fordert das Unmögliche

  • 19. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Jelena Kovačević


Kućica na Drini
Foto: Emilija Josipović

1968 schrieben Studierende Weltgeschichte. In die Geschichte von Bajina Bašta, einer kleinen serbischen Grenzstadt, schrieb sich eine Gruppe von Jungen ein, von denen der Älteste neunzehn Jahre alt war. Sie forderten das Unmögliche nicht nur, sie verwirklichten es auch.

 

In jenem Jahr begannen diese Jungen, sich mitten in der Drina ihren Platz in der Welt zu schaffen. Auf einem Felsen, umspült vom kalten Fluss mit seinen Stromschnellen und Strudeln, errichteten sie ein kleines Häuschen aus Sandwichplatten, die sie von einer eingestürzten Betriebsbaracke abmontiert hatten. Es wurde schnell zum Zufluchtsort für mehrere Generationen junger Männer und Frauen und zu dem Ort, an dem sie ihre ersten Schwimmzüge und ersten Paddelschläge im Kajak machten. Auch die Idee, in der Stadt einen Kajakclub zu gründen, entstand auf diesem Felsen. Doch das Häuschen hielt nicht lange. Bereits Ende 1969 riss die Drina es mit sich fort, und so ging es als erstes Häuschen in die Geschichte ein.

 

Schon im Jahr darauf bauten sie ein neues, diesmal aus festerem Material, aus rohen Holzbrettern. Da die Bretter in der Sonne schnell austrockneten und sich verzogen, beklebten sie das Häuschen innen und außen mit alten Filmplakaten. Vor den Sonnenstrahlen konnten sie es schützen, vor dem Fluss nicht. Noch im selben Jahr wurde es wieder zerstört.

 

Um das dritte Häuschen, das 1971 gebaut wurde, kämpften die Menschen aus Bajina Bašta bis Anfang der 1980er-Jahre weiter gegen die Drina an. Jedes Mal, wenn der Fluss es mit sich fortgerissen hatte, holten sie es zurück und setzten es wieder auf den Felsen. Am Ende mussten sie es doch dem Strom überlassen. Das vierte Häuschen hatte ein ähnliches Schicksal.

 

Aus den früheren Versuchen hatten sie gelernt: Das 1996 gebaute Häuschen setzten sie auf einen Betonsockel. Doch der Fluss erwies sich erneut als stärker und riss es Ende 1999 mit sich fort.

 

Sechs Jahre später sammelten die Jungen vom Felsen, inzwischen erwachsene Männer, die nötigen Mittel und bauten das sechste Häuschen, diesmal mit einem Betonfundament. Vielleicht hätte es standgehalten, wenn die Drina Anfang 2010 kein Jahrhunderthochwasser geführt und das Häuschen vom Felsen gefegt hätte. In diesen Tagen stand das Wasser so hoch, dass selbst der Felsen im Fluss nicht mehr zu sehen war.

 

Erneut wurden Mittel gesammelt, und 2011 wurde auf der Drina wieder ein Häuschen errichtet. Diesmal gab es eine entscheidende Neuerung: Die beiden Seiten, die bei Hochwasser dem größten Druck ausgesetzt sind, wurden mit Scharnieren versehen. Bei steigendem Wasser lassen sie sich öffnen, sodass sich das Häuschen in einen Tunnel verwandelt, durch den die Drina hindurchfließen kann.

 

Nach 43 Jahren des Kampfes mit diesem wilden und unberechenbaren Fluss siegte schließlich der Verstand über die Kraft. Das Häuschen behauptete seinen Platz auf der Drina.

 

Im selben Jahr wurde es dank einer Fotografie von Irene Becker weltweit bekannt. Die Aufnahme wurde zunächst zum Foto des Tages bei National Geographic gewählt und im August 2012 auch zum Foto des Monats. Daily Mail und Business Insider berichteten über das Häuschen, Business Insider nahm es in eine Liste der ungewöhnlichsten Häuser der Welt auf, und die russische Palm Press setzte es auf ihren Werbekalender. So wurde das Bild eines Häuschens auf einem einzelnen Felsen mitten in der Drina zu einem international bekannten Symbol für Bajina Bašta.

 

Wegen dieses Häuschens kommen heute Menschen aus allen Teilen der Welt nach Bajina Bašta, besonders aus dem fernen China. Dank des Häuschens auf dem Felsen ist eine kleine Stadt an der Drina zu einem festen Punkt auf der touristischen Landkarte geworden. Jedes Jahr fahren Tausende Menschen in Booten und auf Flößen daran vorbei und halten inne, besonders während der Drina-Regatta, der größten Flussveranstaltung Serbiens.

 

Das Häuschen auf der Drina ist mehr als ein architektonisches Wunder und eine touristische Attraktion. Es ist ein Symbol menschlicher Beharrlichkeit und eine Botschaft von der Drina: Das Unmögliche existiert oft nur in unseren Köpfen.



Jelena Kovačević | INSTAGRAM

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