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Donna Cyril

  • vor 3 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit
Geschichten aus dem Alltag

Donna Cyril, AH Magazine
Donna Cyril, Artist

Donna Cyril fotografiert mit feinem Gespür für die Beziehungen, die einen Ort lebendig halten. Ihre Arbeit bleibt aufmerksam gegenüber Menschen, Räumen und dem, was zwischen ihnen entsteht. Auf dem Fischmarkt in Mumbai verschiebt sich das Zentrum des Bildes hin zu Menschen, die Blumen, Gemüse und Waren des täglichen Bedarfs verkaufen, und öffnet den Blick auf eine Landkarte kleiner Ökonomien und unterschiedlicher Wege, den Lebensunterhalt zu sichern. In ihrer Arbeit versammelt eine Serie das, was ein einzelnes Bild nur streifen kann. Erst in dieser Abfolge werden Szenen, Beziehungen und Gesten lesbar. In diesem Gespräch spricht sie darüber, wie solche Geschichten entstehen und sich weiterentwickeln, warum sie sich zum Medium Film hingezogen fühlt und wie Klang ihr Verständnis von Atmosphäre erweitert.


Wie wurde die Fotografie zum ersten Mal Teil Ihres Lebens, und wann merkten Sie, dass sie ein Medium ist, durch das Sie sich wirklich ausdrücken können?

Meine Reise mit der Fotografie begann, als ich etwa 15 war und mein Vater eine Canon DSLR kaufte. Ich bin mir bis heute nicht ganz sicher, was ihn dazu brachte, aber von dem Moment an, als sie da war, fühlte ich mich zu ihr hingezogen. Zuerst machte ich einfache Fotos von Pflanzen, Strukturen und kleinen Details in Gärten in der Nähe, einfach aus Neugier und noch ohne klare Richtung. Alles veränderte sich, als ich meine beste Freundin fragte, ob sie für mich modeln würde. Diese Erfahrung ließ mich erkennen, wie stark mich das Festhalten von Menschen und Momenten berührte, und es fühlte sich ganz instinktiv richtig an. Von da an brachte ich mir vieles über YouTube selbst bei und entwickelte nach und nach sowohl mein technisches Verständnis als auch meine kreative Perspektive. Diese Zeit voller Neugier und Selbststudium hat meine Leidenschaft geprägt und mir gezeigt, dass Fotografie ein Medium ist, durch das ich mich wirklich ausdrücken kann.


Wie fanden Sie bei Ihrer Arbeit auf dem Fischmarkt in Mumbai während des Fotografierens ihren eigentlichen Fokus, und wann merkten Sie, dass sich eine Geschichte abzeichnete, die über den Ort selbst hinausging?


More than Fish- The Flower Vendor, AH Magazine
More than Fish- The Flower Vendor

Wenn ich ehrlich bin, bin ich nicht mit einer festen Idee auf den Fischmarkt gegangen oder mit der Absicht, etwas Neues zu entdecken. Ich wollte einfach beobachten, Menschen fotografieren und verstehen, wie dieser Ort in seinem natürlichen Ablauf funktioniert. Als ich mich durch den Markt bewegte, fiel mir auf, dass es dort nicht nur um Fisch ging. Es gab auch Menschen, die Blumen, Gemüse und andere Dinge des täglichen Lebens verkauften, etwas, das auf indischen Straßenmärkten durchaus üblich ist. In diesem Umfeld wirkte es jedoch überraschend eindrucksvoll. Genau dieser Kontrast blieb mir im Gedächtnis.


In diesem Moment verschob sich mein Fokus. Ich entfernte mich von der Dokumentation der Fischverkäufer und begann mich für die Menschen zu interessieren, die andere Waren verkauften. Ich fragte mich, warum sie gerade diesen Ort gewählt hatten, was sie dorthin zog und wie sie sich dort ihren Lebensunterhalt aufbauten. Da wurde mir klar, dass die Geschichte nicht länger nur von einem Fischmarkt handelte, sondern von Menschen, von Anpassung und von den vielen Arten, wie sich Leben an einem einzigen Ort entfaltet.



Was lässt Sie in einer scheinbar gewöhnlichen Szene innehalten und genauer hinsehen?

Für mich ist es immer ein Gefühl menschlicher Verbundenheit. Ich kann einen Menschen oder selbst ein kleines Detail auf der Straße ansehen und mich davon angezogen fühlen, wenn es in irgendeiner Weise in mir nachklingt. Ich betrachte Menschen und Momente oft durch ein Gefühl von Vertrautheit, stelle mir die Geschichten hinter ihnen vor und wie sie mit meinen eigenen Erfahrungen verbunden sein könnten. Als Tochter eines Angehörigen der Streitkräfte bin ich oft umgezogen und habe schon früh gelernt, mich immer wieder auf neue Orte und neue Menschen einzustellen. Diese Erfahrung hat meine Art geprägt, die Welt zu beobachten. Ich wurde aufmerksamer für menschliches Verhalten, für Gesichtsausdrücke und für die feinen Arten, in denen Menschen miteinander in Verbindung treten. Ich glaube, genau diese Sensibilität lässt mich innehalten.

Es ist dieses Gefühl von Verbundenheit, so klein es auch sein mag, das einen gewöhnlichen Moment bemerkenswert macht.

Wenn Sie Menschen bei der Arbeit und in ihrem Alltag fotografieren, was möchten Sie im Bild vor allem bewahren?


Was ich vor allem bewahren möchte, ist die Echtheit des Moments, die Ehrlichkeit eines Menschen, der in seinem Alltag einfach er selbst ist. Jedes Foto trägt eine Geschichte in sich, auch wenn sie leise ist oder leicht übersehen wird, und mich interessiert es, dieses Gefühl von Wahrheit und innerer Absicht im Bild festzuhalten. Ich hoffe, dass meine Arbeit es Betrachter:innen ermöglicht, sich an die Menschen und Räume zu erinnern, die ich fotografiere, nicht nur als Motive, sondern als gelebte Erfahrungen. Ich wünsche mir ein Gefühl von Verbindung, sodass jemand ein Bild ansehen und darin etwas Vertrautes finden kann, etwas, zu dem er oder sie auf eigene Weise einen Bezug herstellen kann.


Gleichzeitig glaube ich nicht, dass Wirkung immer groß sein muss. Schon eine kleine emotionale Regung oder ein kurzer Moment des Innehaltens ist bedeutsam. Letztlich möchte ich, dass sich meine Fotografien echt anfühlen, für die Betrachtenden ebenso wie für mich selbst, und dass sie in der Freude verwurzelt bleiben, die ich beim Entstehen empfinde.


Sasoon Dock, AH Magazine
Sasoon Dock

Neben der Fotografie arbeiten Sie auch mit Film. Was fasziniert Sie an diesem Medium besonders?

Mein Interesse am Filmemachen ist ganz natürlich aus meiner Leidenschaft für die Fotografie heraus gewachsen. Während meines Bachelorstudiums hatte ich die Möglichkeit, einen kurzen Filmkurs zu belegen, der mir Einblick in den Entstehungsprozess von Filmen gab. Am meisten faszinierte mich die Erkenntnis, dass etwas, das wir auf dem Bildschirm in wenigen Stunden erleben, oft Monate oder sogar Jahre sorgfältiger Arbeit und Präzision braucht, bis es Wirklichkeit wird. Je stärker ich mich damit beschäftigte, desto mehr begann ich die Tiefe und Komplexität filmischen Erzählens zu schätzen. Es brachte mich dazu, über ein einzelnes Bild hinauszudenken und mich intensiver mit Narration, Zeit und Emotion zu befassen. Das führte schließlich dazu, dass ich ein Masterstudium im Bereich Filmemachen aufnahm.


Mit der Zeit hat mich besonders Sounddesign und Mixing angezogen. Mich interessiert, wie Klang Emotionen formen und Atmosphäre schaffen kann, oft auf subtile, aber kraftvolle Weise. Diese Verbindung zum Klang beeinflusst auch meine Fotografie. Beim Fotografieren höre ich oft Musik, weil sie mir hilft, einen emotionalen Fluss aufzubauen und meine Verbindung zu den Momenten, die ich festhalte, zu vertiefen.


Wenn Sie an einer Serie arbeiten, woran merken Sie, dass sich eine Geschichte zu formen beginnt und nicht nur eine Reihe einzelner Fotografien entsteht?

Ich nähere mich einer Serie meist auf zwei Arten. Manchmal beginne ich mit einer klaren Vorstellung, mit einem Thema, einem Moodboard und einer visuellen Richtung, an der ich mich beim Fotografieren orientiere. Selbst dann bleibe ich offen für unerwartete Momente, denn Beobachtung steht im Zentrum meines Prozesses, und manchmal liegen gerade die bedeutendsten Bilder außerhalb dessen, was ursprünglich geplant war. Zu anderen Zeiten arbeite ich intuitiver. Ich wähle einen Ort ohne festes Konzept und beginne einfach damit zu fotografieren, was auch immer meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Häufig zeigt sich gerade in diesen offenen Momenten, etwa bei einem Spaziergang oder einer Fototour, ein Muster. Ich beginne, Verbindungen zwischen den Bildern zu erkennen, und nach und nach wird ein Thema sichtbar. Für mich beginnt eine Geschichte genau dann Gestalt anzunehmen, wenn ich einen natürlichen Faden erkenne, der die Fotografien miteinander verbindet.



Wie entwickelt sich Ihre Arbeit im Moment, und zu welchen Geschichten fühlen Sie sich heute am stärksten hingezogen?

Ich habe das Gefühl, dass meine Arbeit allmählich bewusster wird und zugleich jene Neugier bewahrt, die mich ursprünglich zur Fotografie geführt hat. Früher lag mein Fokus stärker darauf, Momente in dem Augenblick zu beobachten und festzuhalten, in dem sie auftauchten. Heute denke ich mehr über die tieferen Verbindungen in diesen Momenten nach. Ich frage mich oft, wie Bilder zueinander in Beziehung stehen und was sie gemeinsam erzählen. Gleichzeitig schätze ich Spontaneität weiterhin sehr und lasse Raum für unerwartete Entdeckungen, weil das ein wichtiger Teil meines Prozesses bleibt.

 

In letzter Zeit fühle ich mich besonders zu Geschichten aus dem Alltag hingezogen, vor allem zu solchen, die Arbeit, Routine und menschliche Verbundenheit in den Blick nehmen.


Mich interessieren Menschen, die Räume, in denen sie leben, und die Art, wie selbst die gewöhnlichsten Orte Geschichten von Widerstandskraft, Identität und Zugehörigkeit in sich tragen.

Ich spüre auch, dass meine Beschäftigung mit dem Filmemachen zunehmend beeinflusst, wie ich Bilder sehe und aufnehme. Ich nehme Rhythmus, Atmosphäre und Emotion inzwischen bewusster wahr, nicht nur innerhalb eines einzelnen Bildes, sondern über eine ganze Serie hinweg. In Zukunft möchte ich diese Verbindungen weiter erforschen und Geschichten teilen, die sich ehrlich, immersiv und zutiefst menschlich anfühlen.


Khotachi Wadi, AH Magazine
Khotachi Wadi

In Donna Cyrils Arbeit versammelt eine Serie das, was ein einzelnes Bild nur berühren kann. Erst in dieser Abfolge fügen sich Szenen, Beziehungen und Gesten zu einem Ganzen und gewinnen an vollerer Bedeutung.



Donna Cyril

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