JULIE HRUDOVÁ
- 23. März
- 5 Min. Lesezeit
Chasing Amsterdam
Wir sprechen mit einer Fotografin, die sich durch Amsterdam bewegt, als würde sie eine Karte aus kleinen Verschiebungen, flüchtigen Begegnungen und Bildausschnitten lesen, die im nächsten Augenblick schon wieder verschwinden. Street Photography wurde in ihren Teenagerjahren zu ihrem natürlichen Terrain, als ihr erstes Handy mit Kamera den Skizzenblock und den Bleistift ablöste. Seitdem fotografiert sie, was ihr begegnet, mit einer kleinen Kamera in der Tasche und einem feinen Gespür für Szenen, die ohne Vorwarnung
auftauchen.
Zwölf Jahre redaktionelle Arbeit bei den Fernsehnachrichten haben ihren Blick für Auswahl und für die Bedeutung eines Bildes geschärft, verbunden mit einem vertieften Bewusstsein für Kontext und visuelle Nuancen. In diesem Interview spricht sie über Serien, die sich langsam formen, über Bilder, deren Wert sich erst mit der Zeit zeigt, über das Buch Chasing Amsterdam und über das Instagram-Archiv StreetRepeat, in dem sie zeigt, wie sich Street-Fotograf:innen über Ideen verbinden, selbst wenn sie einander nie begegnet sind.

Was hat dich ursprünglich zur Fotografie gebracht, und wann hast du gemerkt, dass Street Photography der Ort ist, an dem du dich am stärksten ausdrücken kannst?
Als Kind habe ich viel gemalt. Es fühlt sich für mich ganz selbstverständlich an, die Welt um mich herum zu beobachten, und ich versuche immer danach, sie festzuhalten. Als Teenager bekam ich mein erstes Handy mit integrierter Digitalkamera, und damals habe ich zur Fotografie gefunden. Mich zog es an, unerwartete Momente einzufangen, ohne sie zu inszenieren. Zu Hause, draußen, mit Freund:innen und allein wurde Street Photography Teil meines Lebens.
Wie arbeitest du normalerweise, wenn du auf der Straße fotografierst? Kehrst du immer wieder an dieselben Orte zurück, um Situationen aufzubauen, oder folgst du eher der Bewegung und dem, was sich unterwegs ergibt?
Ich arbeite sehr instinktiv. Meist folge ich Bewegungen oder habe das Gefühl, dass etwas passieren könnte, auch wenn es oft gar nicht dazu kommt. Häufig entstehen interessante Situationen ganz plötzlich, wenn ich gar nicht danach suche. Deshalb habe ich meine kleine Kamera immer bei mir.
Wie sieht dein Auswahlprozess nach dem Fotografieren aus? Wann erkennst du, dass ein Bild Teil einer Serie ist und nicht für sich allein steht?
Beim Auswählen weiß ich meist recht schnell, was gut genug ist. Manchmal lerne ich ein Foto aber erst Monate oder Jahre später wirklich zu schätzen. Was Serien und Einzelbilder betrifft, arbeite ich manchmal bewusst an einer Sequenz, und ein anderes Mal finden einzelne Bilder mit der Zeit zueinander, wenn sie etwas Substanzielles verbindet.

Wenn sich eine Serie formt, was hält sie für dich zusammen? Woran merkst du, dass die Arbeit eine innere Logik hat und als geschlossenes Ganzes funktioniert, statt aus einzelnen Bildern zu bestehen?
Es gibt thematische Serien wie die Reiher von Amsterdam und subtilere Abfolgen einzelner Bilder, die gemeinsam Sinn ergeben. Bei den Reihern habe ich dokumentarisch gearbeitet, konnte aber zugleich mit der Fremdheit und Absurdität dieser Situationen spielen. Diese Eigenart hat mich visuell schon immer fasziniert.
In anderen Fällen geht es um ein allgemeineres Thema, etwa die wöchentlichen Bilder von Amsterdam, die ich für die lokale Zeitung Het Parool gemacht habe und jetzt wieder mache. Für diese Serie suche ich nach eigenwilligen Szenen auf den Straßen Amsterdams.
Begonnen habe ich damit während der Pandemie, und nun setze ich es fort mit einem Fokus auf surreale Situationen. Aktuell fotografiere ich abends für dieselbe Rubrik. Die Dunkelheit verbindet die Bilder, die Abendstimmung, die Lichter der Stadt und alles, was sich dazwischen abspielt.
Du hast kürzlich davon gesprochen, nach zwölf Jahren als Fotoeditorin in den Fernsehnachrichten ein wichtiges Kapitel zu schließen. Was hat diese Zeit für dich besonders geschärft im Lesen von Bildern, im Entscheiden und im visuellen Erzählen, und wo spürst du diesen Einfluss heute in deiner eigenen Arbeit?
Für mich ist das ein großer Schritt, mit einer ungewissen Zukunft vor mir. Ich musste wieder diesen inneren Impuls spüren, mehr zu gestalten und neue Zusammenarbeiten anzustoßen.
Tausende von Bildern als Bildredakteurin zu sichten zwingt dazu, sich schnell durch Auswahlen und Datenbanken zu bewegen und Muster sowie Stile zu erkennen. Dazu kamen viele Diskussionen mit Kolleg:innen, die mein Bewusstsein für redaktionelle und thematische Entscheidungen geschärft haben, ebenso für mögliche Konnotationen und Stereotype.
Parallel zu meiner redaktionellen Arbeit habe ich den Instagram-Account StreetRepeat gestartet, auf dem ich ähnliche Bilder aus der Street Photography sammle, aufgenommen von unterschiedlichen Fotograf:innen. Damit wollte ich zeigen, wie stark wir uns gegenseitig beeinflussen und inspirieren. Für meine eigene Fotografie hat die redaktionelle Erfahrung ein größeres Bewusstsein dafür gebracht, wie visuelle Geschichten entstehen, wie Bilder miteinander in Beziehung treten und auch dafür, dass bestimmte Bilder sich gegenseitig schwächen können.
Chasing Amsterdam hat schließlich die Form eines Buches angenommen. Wie kam es zu dieser Entscheidung, und wann hattest du das Gefühl, dass die Arbeit genau dieses Format braucht?
Chasing Amsterdam entwickelte durch die wöchentlichen Fotos und das konsequente vertikale Format einen tagebuchartigen Rhythmus. Beim Durchblättern der Zeitungsseiten über einen längeren Zeitraum erschien ein Buch als der logischste nächste Schritt. Im Buch haben Sabine Verschueren, die Gestalterin, und ich mehrere Doppelseiten mit kleinen Bildern und Texten ergänzt, die von der wöchentlichen Suche nach dem Motiv erzählen. So sieht das Publikum die fertigen Fotografien und versteht zugleich, was zu ihnen geführt hat, und welche kreativen sowie ethischen Entscheidungen ich dabei getroffen habe. Das Buch ist zu einem visuellen Dokument des Lebens in Amsterdam während der COVID-Zeit geworden, mit einem Einblick in den fotografischen Prozess.

Über StreetRepeat arbeitest du mit Fotografien unterschiedlicher Autor:innen aus verschiedenen Städten. Was interessiert dich besonders, wenn diese Bilder nebeneinanderstehen, und welche Art von Reflexion eröffnet dir dieser Ansatz?
Es ist ein fortlaufendes Archiv, in dem ich ähnliche Bilder verschiedener Fotograf:innen sammle. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich ein neues Thema aus drei Fotos zusammenstelle, fast wie ein Kind, das die richtigen Karten in der Hand hält. Der Account zeigt, wie wir uns gegenseitig beeinflussen und inspirieren, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist. In manchen Fällen ist klar erkennbar, dass Fotograf:innen ein bestehendes Bild in einem bestimmten Stil aufgreifen, in anderen sind die Gemeinsamkeiten sehr subtil. Mich reizt es immer, neue Muster zu entdecken, die innerhalb des Genres entstehen.
Wenn du heute auf dein Gesamtwerk blickst, was ist dir wichtiger geworden als früher, und wonach suchst du bewusst nicht mehr in der Fotografie?
Ich merke, dass ich mich stärker darauf zubewege, einen persönlichen Ansatz und eine eigene Bildsprache zu entwickeln, statt nachzuahmen, was andere vielleicht besser machen. Am Anfang wollte ich stärker erzählerische, dokumentarische Projekte realisieren, doch ich sehe mich nicht vollständig als Fotojournalistin. Meine Arbeit bewegt sich in einem Zwischenraum, in einem Graubereich zwischen Dokumentation und Kunst, und dort fühlt sie sich stimmig an.

In diesem Gespräch spricht Julie Hrudová über Fotografie als einen Prozess, der auf der Straße beginnt und in der Auswahl weitergeht. Ihre Serien entstehen über Zeit, manchmal durch ein gemeinsames Thema oder eine Atmosphäre, manchmal durch eine Verbindung, die sich erst später erschließt. Amsterdam bleibt eine konstante Präsenz in ihrer Arbeit, am Tag und im Abendlicht, während ihre redaktionelle Erfahrung Präzision in die Art bringt, wie Bilder nebeneinanderstehen. Während sie ein berufliches Kapitel schließt und ein neues öffnet, formt sie zunehmend ihre eigene visuelle Sprache im Spannungsfeld zwischen Dokumentation und Kunst.
Julie Hrudová



