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Die Silhouette als Charakter

  • vor 3 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Ursprünglich erschienen im AH Magazine, International Issue No. 7.

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Victor Weinsanto

über Paris, den Körper in Bewegung und Mode als Bühnenkunst

Victor Weinsanto, AH Magazine
WEINSANTO, FW26 “After Midnight”. Photography: Marcello Junior Dino. © Weinsanto 2026.

Victor Weinsanto bringt die Disziplin und den Instinkt des Tanzes in die Mode. Der Körper hält die Linie, Bewegung verändert die Konstruktion, und der Laufsteg wird zur Bühne. Sein Paris entsteht aus Kunst, Cabaret, Clubkultur, Architektur und der Eleganz einer Stadt, von der er lange geträumt hat und die heute in die Sprache seiner Kollektionen einfließt. In dieser Sprache formt das Korsett die Proportion, Sinnlichkeit verbindet sich mit Kontrolle, und eine Silhouette wird zum Charakter, sobald die Person, die sie trägt, sie als Rolle annimmt. Für AH Magazine spricht Victor Weinsanto über die Disziplin des Balletts, die Freiheit der Bewegung, die emotionale Kraft der Mode und eine Kollektion, in der opernhafte Haltung auf die rohe Energie des nächtlichen Paris trifft.


Wenn Sie heute an Paris denken, sehen Sie die Stadt als Ort, als Bühne oder als eine Art, sich durch die Welt zu bewegen? Wie fließen diese Vorstellungen von Paris in Ihre Arbeit ein?

Wenn ich an Paris denke, sehe ich darin etwas Instinktives, etwas, das in der Art liegt, wie Menschen sich ausdrücken. Es ist eine unglaublich inspirierende Stadt, reich an Geschichte, und ich bin sehr glücklich, hier leben zu dürfen. Das war immer ein Traum von mir. Für mich ist Paris eine Plattform, auf der Kunst und Kultur auf natürliche Weise zusammenkommen. Sie erlaubt den Menschen, ganz sie selbst zu sein und ihre eigene künstlerische Stimme zu entwickeln.

Paris ist auch eine ständige Inspirationsquelle für meine Arbeit. Die Parisienne wird gewissermaßen zu einem wiederkehrenden Faden in jeder Saison. Im weiteren Sinne fließen auch die Stadt selbst, ihre Geschichte und ihre Bilderwelt oft direkt in meine Kollektionen ein. Es gibt eine unverkennbare Eleganz in ihrer Architektur und Atmosphäre, und das beeinflusst unweigerlich, was ich erschaffe.


WEINSANTO, FW26 “After Midnight”. Photography: Marcello Junior Dino. © Weinsanto 2026.


U modu ste došli kroz balet. Šta vas je ples trajno naučio o telu, držanju i načinu na koji silueta oživljava?

U modu sam došao iz sveta plesa, pa me je on prirodno naučio disciplini u radu i procesu, ali i stvarnom osećaju slobode u pokretu. Dao mi je razumevanje scene, načina na koji se gradi pista, kako se modeli usmeravaju u skladu sa kolekcijom i kako se razmišlja o celovitoj mise en scène. Naučio me je i da slušam telo, prostor i publiku. To je nešto što danas zaista volim u svom radu. Mislim da mi to omogućava da budem manje tradicionalni dizajner, a više koreograf, na neki način. Volim da stvaram scene, da gradim narative i da zamišljam kako će kolekcija živeti kroz pokret, držanje i prisustvo.


Sie sind über das Ballett zur Mode gekommen. Was hat Ihnen der Tanz dauerhaft über den Körper, die Haltung und darüber beigebracht, wie eine Silhouette lebendig wird?

Ich bin über den Tanz zur Mode gekommen, und dadurch habe ich ganz natürlich Disziplin gelernt, in der Arbeit und im Prozess, zugleich aber auch ein echtes Gefühl von Freiheit in der Bewegung.


Er hat mir ein Verständnis für die Bühne gegeben, dafür, wie man einen Laufsteg aufbaut, wie man Models je nach Kollektion führt und wie man eine vollständige Mise en scène denkt. Der Tanz hat mich auch gelehrt, auf den Körper, auf den Raum und auf das Publikum zu hören. Das ist etwas, das ich heute an meiner Arbeit besonders liebe. Ich glaube, es erlaubt mir, weniger ein klassischer Designer zu sein, sondern in gewisser Weise eher ein Choreograf. Ich mag es, Szenen zu schaffen, Erzählungen aufzubauen und mir vorzustellen, wie eine Kollektion durch Bewegung, Haltung und Präsenz leben wird.


Victor Weinsanto, AH Magazine
WEINSANTO, FW26 “After Midnight”. Photography: Marcello Junior Dino. © Weinsanto 2026.

In Ihrer Arbeit wirkt ein Look oft wie ein Charakter und weniger wie reine Kleidung. In welchem Moment wird eine Silhouette für Sie zu einer Figur?

In meiner Arbeit fühlt sich jeder Look oft wie ein Charakter an, und genau das liebe ich. Ich fühle mich sehr zu Storytelling, zu Haltungen und Identitäten hingezogen. Das Kleidungsstück hilft der Person, die es trägt, tiefer in eine Rolle einzutreten, sei es eine gefährliche Figur, eine Hexe oder eine Favoritin am Hof aus einer anderen Epoche. Dahinter steht immer eine Erzählung.


Die Models und Tänzerinnen, mit denen ich arbeite, haben bereits starke Persönlichkeiten. Sie inspirieren mich, und die Idee besteht nie darin, sie zu verwandeln, sondern das zu verstärken, was sie bereits sind, und es in etwas Ausdrucksstärkeres wachsen zu lassen. Wenn sie das vollständig annehmen, wird die Silhouette lebendig; sie wird zu etwas Realem.


Das Korsett gehört zu Ihren wiederkehrenden Signaturen und wirkt in Ihrer Arbeit zugleich frei von Nostalgie. Was erlaubt es Ihnen heute, über den Körper, über Kontrolle und über das Einnehmen von Raum zu sagen?

Das Korsett ist definitiv eine wiederkehrende Signatur in meiner Arbeit, und es hat mich schon immer fasziniert. Ich habe die Idee, den Körper zu formen, immer geliebt: die Taille zu betonen, Proportionen zu überzeichnen und Kurven hervorzuheben. In der Korsetterie liegt etwas sehr Sinnliches und zugleich eine Form von Kontrolle, die im Akt des Schnürens besonders spürbar wird. Aus der Perspektive des Tanzes finde ich das besonders interessant, weil man annehmen könnte, dass es der Bewegung widerspricht. Gerade diese Spannung zwischen Begrenzung und Fließfähigkeit fasziniert mich. Selbst wenn es den Körper einschränkt, schafft es Haltung, Präsenz und eine gewisse Eleganz.


Ich integriere auch immer eine Schnürung am Rücken. Sie ist Teil meiner Signatur, erlaubt dem Kleidungsstück aber zugleich, sich an unterschiedliche Körper anzupassen. Ein Stück kann über verschiedene Größen hinweg funktionieren, wodurch es sinnlich und zugleich flexibel bleibt. Über die Ästhetik hinaus gibt es in meiner Herangehensweise also auch etwas sehr Praktisches und Inklusives.


In Ihrer Welt gibt es Dramatik, Humor und Übertreibung, darunter aber auch echte Emotion. Wann beginnt Mode für Sie, über das Bild hinauszugehen und zu einer emotionalen Sprache zu werden?

Humor ist für mich wesentlich. Ich liebe es, wenn eine Kollektion lebendig wirkt und über das Bild hinaus echte Emotion trägt. Für mich beginnt Mode dort, wo sie ein Gefühl erzeugt, durch Bewegung, Haltung oder eine einfache Geste. Ob Freude, Übertreibung oder Verletzlichkeit, sie muss etwas auslösen. Am Ende geht es in der Mode darum, Geschichten zu erzählen und Emotion sichtbar zu machen.


In Ihrer jüngeren Arbeit spürt man eine klare Spannung zwischen der Disziplin des Tanzes und der ungebändigten Energie des Pariser Nachtlebens. Wo wird diese Spannung in der aktuellen Kollektion für Sie am stärksten spürbar, in einem bestimmten Look, einer Silhouette oder einer Geste?

In meiner jüngsten Kollektion wollte ich wirklich den Kontrast erkunden. Die Show war in zwei Teile gegliedert. Der erste war ruhiger, romantischer, fast wie ein Opernbesuch, mit einem Gefühl von Eleganz und Zurückhaltung. Dann kam der Wechsel. Es gab eine Performance von Mimi und Julie Demont, zwei meiner langjährigen Musen, die eine viel rohere, intensivere Energie eingebracht haben.


Victor Weinsanto, Designer
Victor Weinsanto, Designer

Es ging darum zu zeigen, dass diese Welten nebeneinander existieren können. Man kann in die Oper gehen und direkt danach in einem Club tanzen. Diese Dualität fühlt sich für mich sehr persönlich an.

Man konnte sie auch in den Silhouetten sehen: etwas Raffiniertes, leicht Aufgelöstes, nie zu glatt. Wirklich lebendig wurde alles durch die Bewegung und die Haltung der Mädchen.



Victor Weinsanto | WEB






Dieser Artikel ist Teil der Ausgabe Nr. 7 des AH Magazine.

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