top of page

Gemacht für mehr als eine Saison

  • vor 7 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Qualität, Pflege und der neue Wert von Alltagsdesign


Objekte zeigen erste Spuren dort, wo der Körper ihnen immer wieder begegnet: am Fersenbereich eines Schuhs, entlang der Sohlenkante und an jenem Punkt, an dem dieselbe Bewegung tausendfach wiederkehrt. Eine Tasche verändert sich am Griff, an den Ecken und rund um den Verschluss, dort, wo die Finger Tag für Tag dieselbe Stelle des Leders berühren. Diese Form täglicher Nutzung prägte unser Gespräch mit Catherine Meuter und Stefan Mathys, den Gründer:innen der Schweizer Marke VYN, deren Arbeit an einem der am stärksten beanspruchten Bereiche eines Schuhs beginnt: am Absatz.


VYN, AH Magazine
Catherine Meuter und Stefan Mathys, Gründer der Schweizer Marke VYN

VYN hat ein modulares System entwickelt, mit dem der Absatz ausgetauscht, der Look erneuert und die Lebensdauer des Sneakers verlängert werden kann. Die Marke schöpft aus mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung in der Entwicklung von Schuhen, von Konstruktion und Leder über Sohlen und Proportionen bis hin zu den Gebrauchsspuren, die durch den Alltag entstehen. Ihr Konzept von Long Luxe gibt dieser praktischen Idee einen größeren Rahmen: Objekte, die regelmäßig genutzt, sorgfältig gepflegt und so gestaltet werden, dass sie ihren Wert über eine einzelne Saison hinaus bewahren. Von diesem präzisen Teil des Schuhs aus erweitert sich die Geschichte zu Taschengriffen, Jackennähten, Gürteln, Reiseaccessoires und all den Dingen, die Menschen tragen, nutzen und in ihren Alltag aufnehmen.


Für Catherine Meuter beginnt Design mit Entscheidungen, die lange vor der endgültigen Form getroffen werden: mit der Wahl des Materials, der Art, wie Elemente verbunden werden, mit der Naht, dem Metall, dem Verhältnis von Leder und Textil, der Konstruktion des Absatzes und der Möglichkeit, später genau jenes Teil zu ersetzen oder zu warten, das am schnellsten verschleißt. „Wenn wir heute neue Objekte entwerfen, müssen wir den gesamten Lebenszyklus mitdenken“, sagt sie. Kund:innen spüren diese Entscheidungen später in der Oberfläche, im Gewicht, im Verschluss, in der Stabilität und darin, wie ein Objekt über die Jahre standhält.


Capsule Wardrobes, Pre-loved Pieces und Leihmodelle beruhen alle auf derselben Voraussetzung: Ein Stück muss viele Jahre echter Nutzung tragen können. Bei einem Objekt, das über Jahre getragen wird, misst sich der wahre Preis an der Naht, die hält, am Leder, das erneuert werden kann, an Komponenten, die sich ersetzen lassen, und an der Form, die immer wieder in den Gebrauch zurückkehrt. Bei natürlichen Materialien, besonders bei Leder, schreibt sich Alterung in die Oberfläche selbst ein. Leder wird weicher, gewinnt Tiefe, nimmt Pflege auf und verändert sich durch Berührung, Licht, Feuchtigkeit und die Art, wie es getragen wird. „Die Spuren der Zeit sind kleine Aufzeichnungen gelebter Erfahrung“, sagt Catherine.


Stefan Mathys unterscheidet zwischen Objekten, die auf sofortige Wirkung angelegt sind, und solchen, die mit der Zeit zu Evergreen Pieces werden. Die einen leben von Sichtbarkeit, Effekt und schneller Reaktion, die anderen bleiben über Saisons, Jahre und unterschiedliche Lebensweisen hinweg relevant. „Funktion und Form sollten so gestaltet sein, dass ihr Gebrauchswert mit jedem Tragen wächst“, sagt er.


VYN, AH Magazine
VYN; Foto: Paul Burch

Für ihn hängt Langlebigkeit mit dem Verhältnis zwischen Preis und dem zusammen, was ein Objekt über Jahre der Nutzung zurückgibt. In einer Zeit steigender Preise wählen Kund:innen sorgfältiger und entscheiden sich häufig für weniger Stücke, die sie tragen, pflegen und über Jahre behalten können. Ein neues Objekt muss sich seinen Platz im Alltag erst verdienen, während sich der Schuh dem Fuß anpasst, die Jacke durch das Tragen Form annimmt und das Material die Zeichen regelmäßiger Nutzung sammelt. Ein gut eingetragenes Stück, an den Bewegungspunkten dünner geworden und vollkommen bequem, kann für seine Besitzer:innen wertvoller sein als etwas Neues, das noch keinen eigenen Platz im Gebrauch gefunden hat. Das Material muss zu jenem Teil des Produkts passen, der die Belastung trägt. Bei einem Sneaker bedeutet das Haltbarkeit im Fersenbereich, die richtige Struktur für das Obermaterial, Komfort im Inneren des Schuhs und ein Verständnis dafür, wie sich der Fuß bewegt. Ein Material, das ohne dieses Verständnis gewählt wird, verliert schnell an Spannung, selbst wenn die ursprüngliche Form attraktiv war.


Für beide haben Trends eine begrenzte Reichweite. Sie bewegen sich über Farbe, Detail, Proportion und den Impuls des Augenblicks, während dauerhafte Objekte auf Archetypen und klare Funktion bauen. Catherine spricht von Formen, die Menschen über längere Zeiträume anziehen, und von Zyklen, in denen dasselbe Bedürfnis in einer neuen Form wiederkehrt. Stefan beschreibt die Gegenwart als eine Landschaft aus kurzen Clips, schnellen Drops und Bildern, die beinahe so rasch verschwinden, wie sie auftauchen. Begehren, Farbe, Experiment und Spielfreude bleiben Teil der Mode, doch eine dauerhafte Form muss ihre Grundaufgabe leicht erfüllen. Ein Messer wird an seinem Schnitt beurteilt. Ein Schuh daran, wie er sich in Bewegung anfühlt. Eine Tasche daran, wie sie Gewicht trägt und am Körper sitzt.



„Ohne Qualität gibt es keine Langlebigkeit.“

Catherine Meuter


Service, austauschbare Teile und Erneuerung stehen heute neben Material und Konstruktion. Bei VYN nimmt dieser Ansatz im modularen Absatz konkrete Form an: Er kann ersetzt werden, während der Sneaker weitergetragen wird. Vom Schuh aus führt das Gespräch zu Taschen, Jacken und Stücken, die Menschen behalten möchten, weil jedes Objekt, das lange bestehen soll, auch eine Möglichkeit braucht, gepflegt, repariert oder erneuert zu werden. Stefan verbindet Reparatur mit der perfekten Jeans, einem weich gewordenen Kaschmirpullover und einer Jacke mit geflickten Ellbogen. „Reparatur ist eine Chance, etwas Neues zu schaffen.“ Ein neues Detail oder eine erneuerte Oberfläche fügt einem Objekt ein weiteres Kapitel hinzu.


„Langfristig müssen wir weniger konsumieren und besser auf das achten, was wir bereits haben“, sagt Catherine. „Weniger ist nur dann mehr, wenn es besser ist und uns Freude macht.“ Diese Freude entscheidet darüber, was im Kleiderschrank bleibt: ein Stück, das gut sitzt, den Tag leichter macht, sich selbstverständlich tragen lässt und erneuert werden kann, ohne seinen Wert für die Trägerin oder den Träger zu verlieren. Stefan verbindet den Wert eines Alltagsobjekts mit Komfort, Sicherheit und Bewegungsfreiheit. Kleidung, Schuhe und Accessoires prägen, wie ein Mensch einen Raum betritt, steht, geht, spricht und reist.


Für Stefan sollte ein wirklich durchdachtes Objekt einem Menschen „Freude und Persönlichkeit“ geben und vor allem „die Leichtigkeit, uns so zu zeigen, wie wir uns fühlen“.


VYN, AH Magazine
VNY, LONG LUXE; Foto: Paul Burch

VYN | WEB | INSTAGRAM  | YOUTUBE



Dieser Artikel ist Teil der Ausgabe Nr. 7 des AH Magazine.

Die vollständige digitale Ausgabe finden Sie in Ihrer privaten Digital Library.

bottom of page