DER MUT DER LIEBE: EIN WEIHNACHTSMORGEN IN GEBÄRDEN
- 24. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Oft suchen wir Halt in großen, fast wundersamen Momenten. Und doch berührt uns das Wesentliche meist dort, wo es still wird und plötzlich klar. Diese Kolumne erzählt von einem Morgen, an dem die Stille in unserem Zuhause Sinn bekam – von dem Moment, in dem wir als Familie verstanden, dass das Nicht-Hören eine Tür öffnet zu einer neuen, tieferen Art, einander zu sehen und zu verstehen. Wir entschieden uns, South African Sign Language (SASL) zu lernen. Es war eine bewusste Entscheidung, unsere gemeinsame Welt aufzubauen. Aus der schmerzhaften, schweren Stille entstand ein Raum, in dem Nähe und Freude möglich wurden. An diesem Morgen verstanden wir uns zum ersten Mal, ohne dass es Kraft kostete.

Eine Stille, die singt
Früher war Stille für mich wie ein endloser Himmel ohne Sterne - ein Ort, an dem Antworten im Dunkeln verschwinden und Sicherheit klingt wie eine Melodie, die ich nie ganz greifen kann. Diese Stille lag wie Nebel über allem und verdeckte die Zukunft, die wir so dringend hören wollten. Dann kam unser erster Weihnachtsmorgen mit echter Verständigung. Statt unsicherer Gesten gab es klare Gebärden. Und genau das fühlte sich an wie der Moment, auf den wir so lange gewartet hatten.
Für viele Familien klingt Weihnachten nach raschelndem Papier, nach Jubel, der aus einem herausbricht. Bei uns klang es anders. Unser Morgen hatte seine eigene, helle Art von Freude - die Freude daran, dass Verständigung möglich ist. Und sie kam aus den Händen unseres Sohnes.
Er wachte auf, sah die Lichter am Baum vor unserer Tür und begann sofort zu sprechen, in Gebärden. Als hätte er nur darauf gewartet. Er sprang auf dem Bett herum, und wir konnten nicht aufhören zu lachen. Das Hüpfen war herrlich, doch seine Hände waren die eigentliche Geschichte - kleine, schnelle Hände, unermüdlich, voller Energie und Sinn.
Er zeigte den Weihnachtsbaum - Hände, die die Zweige nachzeichneten. Dann die Lichter - feine, funkelnde Fingerbewegungen. Und dann, mit dieser kindlichen Lust am Drama, zeigte er den Weihnachtsmann, indem er eine Hand ans Kinn legte, wie einen Bart. Danach den Elf, das Rentier. Alles, was er sah - die Strümpfe, die rote Schleife am Geschenk, das Glitzern auf meinem Pyjama -, wurde im selben Augenblick zu Sprache.
Mein Mann und ich sahen uns an und mussten immer wieder lachen. Wir lachten mit ihm und waren überwältigt von der Klarheit und der Kraft, mit der er sich ausdrückte.
Für viele Familien ist der Höhepunkt am Weihnachtsmorgen der Moment, in dem ein Kind endlich das Geschenk öffnet, auf das es gewartet hat. Für uns war das Geschenk dieser Augenblick, in dem sich eine gemeinsame Sprache öffnete. Wir tauschten keine Dinge – wir tauschten Bedeutung.
Weihnachtszauber
Wir sahen ein präsentes Wesen: voller Leben, voller Fähigkeit, seine Welt zu benennen, zu beschreiben und mit uns zu teilen. Der Lärm anderer Weihnachten - die Lieder, die Stimmen, die vollen Räume - verlor plötzlich an Gewicht. Unsere Stille war erfüllt: voller Hände, voller Blickkontakt, voller dieses tiefen Lachens, das man im ganzen Körper spürt. Für mich war es der deutlichste Beweis von Liebe, den ich je erlebt habe. Zwischen dem Springen und dem schnellen Fluss der Gebärden wurde mir etwas endgültig klar: Eine Diagnose hätte uns das nicht geben können, eine Heilung war nicht der Schlüssel. Der Schlüssel lag in einer inneren Entscheidung - ihm dort zu begegnen, wo er ist: in der Sprache seiner Sinne.
An diesem Weihnachten begann die Stille, die mich früher so belastet hatte, zu singen. Ich verstand, wie sehr uns das verändert, was wir bereit sind aufzubauen – und wie wenig uns das bringt, was wir zu reparieren versuchen. Also wechselten wir die Perspektive, weg vom Blick auf das Defizit, hin zum Blick auf die Verbindung. Und damit kam das, was Psycholog:innen „gemeinsame Aufmerksamkeit“ nennen.
In einer hörenden Welt teilt sich Aufmerksamkeit oft zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir hören. In unserem stillen Zimmer aber war sie gesammelt – wach und ganz bei uns.
An diesem Morgen habe ich etwas Wichtiges gelernt. Liebe wartet nicht auf perfekte Bedingungen.
Sie lernt, passt sich an, baut und wächst.
Mit viel Liebe,
Whenlee




