Nicolaï: Das Privileg der Geduld
- 11. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Ursprünglich erschienen im AH Magazine, International Issue No. 7.
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Patricia de Nicolaï, Gründerin von Nicolaï, spricht über Unabhängigkeit, Handwerk und Parfum als einen Ort, an dem Materialien, Entscheidungen und Erinnerungen bewahrt werden.

Sie gründete ihr eigenes Haus 1989, zu einer Zeit, in der Unabhängigkeit in der Parfumbranche alles andere als ein naheliegender Weg war, und ist diesem Weg treu geblieben. Fast vier Jahrzehnte später wählt Patricia de Nicolaï ihre Rohstoffe noch immer selbst aus, entscheidet selbst, wann ein Duft vollendet ist, und komponiert ohne Briefing. In der Welt der großen Häuser, in der Parfümeur:innen häufig gebeten werden, etwas zu kreieren, das „ein wenig wie dieser Erfolg und ein wenig wie jener“ ist, nimmt Nicolaï eine seltene Position ein: ein Haus, in dem die schöpferische Entscheidung im Zentrum der Kreation steht.
Im Gespräch mit AH Magazine spricht Patricia de Nicolaï über kreative Freiheit, die Arbeit mit natürlichen und synthetischen Materialien, ihre Jahre in enger Verbindung mit der Geschichte des Parfums an der Osmothèque und über Düfte, die einen bestimmten Ort, einen Moment und eine Atmosphäre zurückbringen. Manche Kreationen, an die sie tief glaubte, brauchten Zeit, bis ihr Team sie annahm. Sie legte sie in eine Schublade und wartete. Jahre später wurden mehrere von ihnen zu einigen der beliebtesten Parfums des Hauses.
Als Sie 1989 Ihr eigenes Haus gründeten, entschieden Sie sich für Unabhängigkeit in einer Zeit, in der dieser Weg alles andere als selbstverständlich war. Was konnten Sie durch diese Entscheidung bis heute in Ihrer Arbeit bewahren?
Die Unabhängigkeit gab mir das eine, was man in dieser Branche mit Geld nicht kaufen kann: Freiheit. Die Freiheit, die schönsten Rohstoffe zu verwenden, Rosenabsolut, Neroli, Jasmin, Sandelholz, ohne mich je fragen zu müssen, ob die Kosten für einen Kunden akzeptabel wären.
Und die Freiheit, ohne Briefing zu kreieren. In den großen Häusern wird man fast immer nach einem Parfum gefragt, das „ein wenig wie dieser Erfolg und ein wenig wie jener“ sein soll. Das ist keine Kreation. Das ist Variation. Die Unabhängigkeit hat mir erlaubt, das zu komponieren, woran ich geglaubt habe, und genau diese Überzeugung hat die Handschrift von Nicolaï geprägt.
Heute überwachen Sie noch immer den gesamten Prozess, von der Formulierung in Paris bis zur Produktion in La Ferté-Saint-Aubin. Wie prägt dieses Maß an Kontrolle die Entstehung eines Duftes?
Nur sehr wenige Häuser auf der Welt tun noch das, was wir tun: die Formel entwerfen, jede Charge der Rohstoffe auswählen und das Parfum selbst produzieren. Die meisten Parfümeur:innen sehen die Materialien, die sie freigeben, nicht einmal selbst.
Für mich ist jede Phase Teil der Kreation. Eine bestimmte Rosencharge einer anderen vorzuziehen, ist bereits eine schöpferische Entscheidung. Diese Beherrschung des gesamten Prozesses garantiert die Beständigkeit eines Nicolaï-Parfums von einem Flakon zum nächsten und macht das Handwerk wirklich vollständig.
Mir ist aufgefallen, dass Sie während des kreativen Prozesses keine Verbraucher- oder Marketingtests durchführen. Woran erkennen Sie persönlich, dass ein Duft wirklich vollendet ist?
Ein Parfum wird nicht von einem Panel oder einem Marketingtest vollendet. Es wird von der Parfümeurin vollendet. Ich lese meine Formel Zeile für Zeile. Wenn eine zusätzliche Zutat sie nicht mehr verbessert und auch das Entfernen einer Zutat sie nicht mehr verbessert, dann stimmt der Akkord. Das Parfum ist bereit. Das ist das Privileg eines unabhängigen Hauses: Die Schöpferin entscheidet, und nur die Schöpferin.

Sie arbeiten sowohl mit natürlichen als auch mit synthetischen Materialien und haben auch darüber geschrieben. Wie sehen Sie dieses Gleichgewicht heute?
Natürliche und synthetische Materialien sind untrennbar miteinander verbunden. Ein Parfum, das zu synthetisch ist, kann flach und vorhersehbar riechen. Zugleich ist ein Parfum, das mit natürlichen Materialien überladen ist, nicht automatisch schön.
Nur wenige Parfümeur:innen beherrschen die großen Naturstoffe wirklich, weil die Preisstrukturen der Industrie es beinahe unmöglich machen. Genau darin liegt die Schönheit von Nicolaï: Die Formel ist nie an die Kosten gebunden. Das Synthetische gibt dem Akkord seine Schwingung, das Natürliche gibt ihm seine Seele. Die Kunst liegt darin, genau den Punkt zu finden, an dem beide gemeinsam singen. Dort lebt ein Nicolaï-Parfum.
Sie haben viele Jahre lang die Osmothèque in Versailles geleitet. Wie beeinflusst die Arbeit mit der Geschichte des Parfums Ihre Arbeit heute?
Jedes Parfum entsteht aus einem vorherigen, bewusst oder unbewusst. Wir Parfümeur:innen wissen das. Maler:innen, Musiker:innen und Schriftsteller:innen wissen es ebenfalls.
Die Jahre an der Osmothèque, umgeben von den großen Parfums der Geschichte, haben mir gezeigt, wie Akkorde von einer Kreation zur nächsten weiterwandern und wie wahre Erfindung immer auf dem aufbaut, was vor ihr kam. Es ist eine Kultur, fast eine Abstammungslinie. Und ich glaube, dass man das in jedem Duft spürt, den ich signiere.
Ihre Düfte rufen oft Orte und Reisen wach. Was kann ein Parfum Ihrer Ansicht nach über einen Ort erfassen, was andere Ausdrucksformen nicht können?
Ein Foto zeigt einen Ort. Ein Parfum bringt einen dorthin zurück.
Das ist seine einzigartige Kraft: Es spricht direkt zum Gedächtnis, vor den Worten, vor den Bildern.
Die Sensibilität einer Parfümeurin entsteht über ein ganzes Leben hinweg, durch Reisen, Malerei, Musik, Gärten und Literatur. Was mich jedoch immer am stärksten leitet, ist die Schönheit selbst. Wenn ich von schönen Dingen umgeben bin, offenbart sich der Duft.
Fig-Tea gehört zu Ihren charakteristischen Kreationen und existiert heute auch als Fig-Tea Intense. Wie sind Sie an die Neuinterpretation eines solchen Duftes herangegangen?
Fig-Tea entstand in England, zu einem Zeitpunkt, als Tee-Noten gerade auf den Markt kamen. Ich wollte einen anderen Tee: fruchtig, leuchtend, aufgebaut um zwei seltene Materialien, Osmanthus und Davana.
Die Neuinterpretation für Fig-Tea Intense war eine echte Übung in Präzision. Ich konnte ihn nicht einfach stärker machen, denn das hätte die Frische zerstört, die Fig-Tea ausmacht. Also musste ich Herz und Basis vertiefen und anschließend die Kopfnoten wieder anheben, um die ursprüngliche Handschrift zu bewahren und ihm zugleich die Haltbarkeit zu geben, die unsere Kund:innen heute erwarten. Ein Parfum, das man noch immer wiedererkennt, aber mit deutlich stärkerer Wirkung auf der Haut.

Gab es in Ihrer Karriere einen Moment, in dem eine kreative Entscheidung Ihre Art zu arbeiten verändert hat? Können Sie uns mehr darüber erzählen?
Ich habe meine Kreationen immer selbst geführt und präsentiere ein Parfum erst dann, wenn ich spüre, dass es wirklich vollendet ist. Deshalb wurde ich nur selten gebeten, eine andere Richtung einzuschlagen.
Was manchmal geschieht, ist, dass ich einen Duft kreiere, an den ich tief glaube, während das Team noch nicht überzeugt ist. In solchen Momenten gebe ich ihn nicht auf. Ich lege ihn einfach zurück in die Schublade. Einige dieser Kreationen wurden Jahre später zu unseren beliebtesten Parfums. Ein Haus wie unseres hat das Privileg der Geduld.
Gab es jemals einen Duft, der Sie sofort an einen bestimmten Ort oder Moment zurückversetzt hat? Können Sie uns etwas mehr über diese Erinnerung erzählen?
Ja, und der jüngste davon wurde zu einem Parfum: Fleur d’Oranger, exklusiv für unsere Boutiquen und unsere besten Vertriebspartner:innen kreiert.
Ich habe ihn aus einer sehr starken Erinnerung an ein Familienschloss entwickelt. Neben dem Haus stand eine Orangerie, in der die Orangenbäume über den Winter geschützt wurden, vom Licht am Leben gehalten. Ende März, wenn der Frühling zurückkehrte, öffneten wir die großen Türen, um sie hinauszubringen, und aus dem Inneren strömte ein außergewöhnlicher Duft: Blüten, Früchte, die Wärme des Holzes. Dieser Moment war für mich fast ein Fest. Das ganze Parfum wurde dort geboren.
Nicolaï ist bis heute ein Familienhaus. Wie gibt man die Identität eines solchen Hauses weiter, sodass sie lebendig bleibt? Und was ist Ihnen dabei besonders wichtig zu bewahren?
Wir nähern uns vierzig Jahren. Von Anfang an wollten mein Mann und ich, dass Nicolaï ein Familienhaus ist, und heute tragen unsere beiden Kinder es weiter.
Wir haben uns nie im Tempo von Häusern bewegt, die von Investmentfonds getragen werden. Wir hetzen nicht durch Entwicklungsschritte; wir vertiefen sie. Wir gehen tiefer in unsere Identität, unsere Geschichte, unsere olfaktorische Handschrift. Entscheidend ist, uns selbst treu zu bleiben: kompromisslos in der Qualität, frei in der Kreation und verbunden mit der Idee, dass ein großes Parfum überraschen muss, dass es unverkennbar eigenständig sein muss. Solange wir an dieser Linie festhalten, wird das Haus bestehen.
Alle Fotografien mit freundlicher Genehmigung von Nicolaï Paris.
This article is part of AH Magazine Issue No. 7.
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