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NICOLA SCOGNAMIGLIO

  • 18. Mai
  • 4 Min. Lesezeit
Wo Gedanken Gestalt annehmen

Nicola Scognamiglio, AH Magazine
Nicola Scognamiglio, Artist

Eine Graphitspur auf Papier macht sichtbar, wie etwas Form gewinnt, das zuvor nur als innere Bewegung existierte. Genau an diesem Punkt setzt Traces an. Nicola Scognamiglio interessiert sich für jenen Augenblick, in dem ein Gedanke die Schwelle zur Erscheinung überschreitet und eine Linie zum Zeugnis wird. Sein Architekturstudium in Neapel und Venedig, seine Arbeit mit 3D-Visualisierung und seine kinematografische Bildgestaltung haben diesen Weg vorbereitet. Über Jahre hinweg baute er Bilder Schicht für Schicht auf, ordnete Räume, führte Licht, entwarf Atmosphären. Aus dieser Erfahrung heraus fand er zum Papier mit einer geschärften Präzision. Die zentrale Frage blieb dieselbe. Wie tragen Raum, Licht und Atmosphäre etwas Unsichtbares, während es darauf wartet, sichtbar zu werden?


Architektur und kinematografische Bildgestaltung haben Ihren Weg geprägt, bevor die Zeichnung ins Zentrum Ihrer Praxis rückte. Welche Elemente dieser Disziplinen prägen Ihre Bildsprache bis heute?


Architektur hat mein Denken grundlegend geformt. Sie gibt einem Blick Struktur, Maß und ein Gefühl für innere Ordnung. Diese Art, einen Gedanken räumlich zu erfassen, begleitet mich bis heute. Das Kino hat meine Wahrnehmung von Realität verändert. Es hat mir gezeigt, wie Licht eine Szene trägt, wie Atmosphäre Bedeutung erzeugt und wie ein Bild mehr erzählen kann als das, was unmittelbar sichtbar ist.


In Traces untersuchen Sie den Moment, in dem ein Gedanke beginnt, Form anzunehmen. Wie sieht dieser Übergang von innerer Erfahrung zum Bild in der Praxis aus?


Er geschieht im Zeichnen selbst. Die Serie folgt den Spuren, die Gedanken und Bewegungen hinterlassen. Manchmal beginnt eine Arbeit mit etwas, das bereits in mir vorhanden ist. Die Zeichnung gibt diesem inneren Zustand eine Gestalt, eine Gegenwart, eine physische Präsenz. Etwas, das zuvor flüchtig war, findet auf dem Papier seinen Ort.



Sie haben die Zeichnung als Form des Zeugnisses beschrieben. Wovon legen Ihre Arbeiten Zeugnis ab?

Eine Spur auf dem Papier hat die Kraft, das sichtbar zu machen, was latent ist.

Darin liegt etwas Physisches: Man übt Druck aus, und etwas tritt hervor. Wenn ein Gedanke, eine Vision oder ein Gefühl in einem selbst Gestalt annimmt, kann man beobachten, wie es auf der Oberfläche erscheint und sich offenbart. Genau diesen Moment des Erscheinens versuche ich festzuhalten.

 

In Arbeiten wie Idiopsis I, Threshold und Mask bleibt das Motiv teilweise verhüllt. Was eröffnet Ihnen dieses partielle Verbergen?

Verhüllung lenkt den Blick auf das, was bleibt. Showing less helps you focus on what remains. Sie verdichtet die Wahrnehmung und verleiht dem Zurückgehaltenen eine eigene Präsenz. Ein verborgenes Fragment kann stärker wirken als eine vollständig ausgeführte Form, weil es Raum für Erwartung, Erinnerung und innere Projektion öffnet.


Mask, NicolaScognamiglio, AH Magazine
Mask, Nicola Scognamiglio

Ihre Praxis bewegt sich zwischen Zeichnung, Fotografie und Skulptur. Woran erkennen Sie, welchem Medium eine Idee zugehört?


Das zeigt sich im Verlauf der Arbeit. Manche Ideen verlangen nach mehreren Medien, weil jedes von ihnen eine andere Art des Denkens ermöglicht. Fotografie und Zeichnung berühren für mich zwei entgegengesetzte Pole. Die Fotografie nimmt das Licht der Welt auf und hält einen Moment fest, bevor er verschwindet. Die Zeichnung wendet sich nach innen. Sie kann ihr eigenes Licht hervorbringen und braucht Zeit, bis sie sich vollständig zeigt.


Titel wie Amor Fati, Threshold und Mask tragen ein deutliches gedankliches Gewicht. Wie entwickelt sich in Ihrer Arbeit das Verhältnis zwischen Titel und Bild?


Die Benennung gehört für mich zum inneren Abschluss eines Werkes. Ein Titel verdichtet das gedankliche Klima, aus dem ein Bild entstanden ist, und gibt dem Blick eine erste Richtung. Bei Arbeiten wie Amor Fati, Threshold oder Mask wird der Titel zu einer leisen Spur. Er verweist auf eine Haltung, eine Schwelle, eine Verwandlung und bewahrt zugleich die Offenheit des Bildes. Die Betrachtenden begegnen dem Werk mit ihrer eigenen Erfahrung, während der Titel sichtbar macht, aus welchem inneren Feld mein Denken hervorgegangen ist.


Während Sie Traces zu Ende führen und einen neuen Werkkomplex aus Marmorskulpturen entwickeln, was verändert sich in Ihrem Verhältnis zur Form, wenn Sie vom Papier zum Stein wechseln?


Der Wechsel zum Stein verändert vor allem die körperliche Beziehung zur Form. Marmor fordert eine andere Langsamkeit, eine andere Konsequenz. Auf Papier entsteht die Spur durch Berührung, Druck und Bewegung. Im Stein entsteht sie durch Abtragen, durch Widerstand, durch das Freilegen einer inneren Gestalt. Auch eine Skulptur kann zu Traces gehören, weil sie ebenfalls eine Idee sichtbar macht. Sie hält einen Gedanken fest, der sich im Material verdichtet hat.

 


Die Marmorskulpturen, an denen Scognamiglio derzeit arbeitet, erweitern den Werkzusammenhang von Traces. Der Stein trägt die Spur auf andere Weise. Sie entsteht durch Entfernung, durch den Eingriff in ein Material, das bereits Geschichte, Gewicht und Zeit in sich trägt. Das Papier bewahrt den Moment der Berührung, der Marmor bewahrt den Moment der Freilegung. So kehrt Scognamiglios Arbeit immer wieder zu derselben Schwelle zurück. Von gerenderten urbanen Szenerien bis zu Graphit auf Papier, von Lichtstudien bis zu Marmorformen kreist sie um den Augenblick, in dem ein inneres Bild Gestalt annimmt. Zwischen Druck und Erscheinung, zwischen Intention und Form, entsteht ein Werk, das weniger erklärt als offenlegt. Es zeigt, wie Gedanken Spuren hinterlassen, lange bevor sie vollständig sichtbar werden.


Idiopsis, Nicola Scognamiglio, AH Magazine
Idiopsis, Nicola Scognamiglio

Nicola Scognamiglio

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