Manche von uns erinnern sich noch genau an die Abende, in denen ein Bleistift zur Rettung einer Kassette wurde. Das Band hatte sich gelöst, und wir wickelten es behutsam zurück, indem wir den Bleistift im Inneren der Kunststoffhülle drehten. Dann folgte das Klicken einer Taste, die Spulen begannen sich zu drehen, und der Raum füllte sich mit Musik. Dieses kleine rechteckige Objekt wurde 1963 in Berlin auf der Funkausstellung vorgestellt, als Philips die Kompaktkassette auf den Markt brachte. Von da an passte Musik in die Hosentasche, und Aufnahmen von Stimmen oder Radiosendungen fanden ihren Platz in jedem häuslichen Archiv. Ingenieurinnen und Ingenieure der NASA nutzten sogar modifizierte Kassettenlaufwerke in den Voyager-Sonden als Datenträger. Vielleicht liegt darin der Grund, weshalb die Kassette bis heute eine mythische Ausstrahlung besitzt. Sie gehört ebenso in das Zimmer eines Kindes wie in den Weltraum. Von dort war es nur ein kleiner Schritt ins Klassenzimmer oder Wohnzimmer, wo ein Diaprojektor die Wand erhellte. Die Lampe ging an, das Magazin drehte sich, und ein neues Bild erschien. Jeder Wechsel brachte einen kurzen Moment der Dunkelheit, gefolgt von einem leisen Klicken. Das wohl bekannteste Modell, der Kodak Carousel, wurde 2004 nach jahrzehntelangem Einsatz in Schulen und Haushalten eingestellt. Einer seiner bedeutendsten Einsätze fand in den Vorträgen des amerikanischen Designers Charles Eames statt, der den Carousel zu einem Werkzeug des visuellen Lernens machte. Auch heute verwenden Künstlerinnen und Künstler diese Projektoren in Installationen und verwandeln die mechanische Pause und die kurze Dunkelheit zwischen den Bildern in einen Teil der künstlerischen Erfahrung. Auf den Regalen vieler Wohnungen stehen noch Schachteln voller VHS-Kassetten, von Hand beschriftet mit Titeln wie „Sommer ’92“, „Erster Geburtstag“ oder „Silvester“. Videorekorder liefen 2016 zum letzten Mal vom Band, als Funai, der letzte Hersteller Japans, seine Produktion einstellte. Im selben Jahr beendete Sony die Herstellung von Betamax-Kassetten, einst der große Konkurrent von VHS. Dennoch gibt es bis heute eine treue Gemeinschaft von Sammlerinnen und Sammlern. Manche Titel erzielen bei Auktionen hohe Preise, besonders jene Filme, die nie auf DVD oder Streaming-Plattformen erschienen sind. In Pennsylvania findet jedes Jahr das VHS Fest statt – mit Vorführungen, Tauschbörsen und Gesprächen rund um diese magnetischen Kunststoffboxen, die Erinnerungen tragen. Und dann ist da noch die Schallplatte. Das Herausziehen eines Albums aus der Hülle, das Absenken der Nadel, das warme Knistern, bevor die Musik beginnt. 2022 übertraf der Vinylverkauf in den Vereinigten Staaten erstmals seit Jahrzehnten den der CDs. Laut RIAA wurden 41 Millionen Schallplatten und 33 Millionen CDs verkauft. Jüngere Hörerinnen und Hörer entdeckten, was frühere Generationen längst wussten: Vinyl verlangt Aufmerksamkeit, Raum und Zeit. Die Rillen tragen den Klang physisch, und die Hülle wird zu einem Objekt, das man hält und zeigt. Alben wie Midnights von Taylor Swift wurden zu Vinyl-Ereignissen – nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen der Erfahrung, etwas Echtes zu besitzen. Hinter einer rot beleuchteten Tür vergeht die Zeit anders. In einer Dunkelkammer, still und erfüllt vom Geruch der Chemikalien, erscheint ein Bild auf Papier. In Berlin bringt LaborBerlin Künstlerinnen und Künstler zusammen, die mit Super-8- und 16-mm-Film arbeiten. In Workshops und Residenzen wird Wissen bewahrt, das sonst verloren gehen könnte. In Marseille bieten ähnliche Labore jungen Fotografierenden die Möglichkeit, Film zu entwickeln, während alte Kameras repariert und wieder in Gebrauch genommen werden. Die analoge Fotografie ist zu einem Treffpunkt der Generationen geworden. Ältere entdecken ihre Fähigkeiten neu, während Jüngere Rituale erleben, die ihnen bislang fremd waren. Auf einem hölzernen Schreibtisch in einer Bibliothek oder einem Atelier spielt die Schreibmaschine wie ein kleines Orchester. Klack, klack, ding. Jeder Satz hinterlässt eine sichtbare Spur auf Papier. In Milwaukee findet jedes Jahr das QWERTYFEST statt, ein Festival des mechanischen Schreibens. Dort tritt das Boston Typewriter Orchestra auf und verwandelt Schreibmaschinen in Musikinstrumente. Neben den Konzerten gibt es Workshops, Messen und sogenannte Type-ins, bei denen auch Kinder das Gewicht der Tasten spüren und zusehen können, wie Worte entstehen – ohne die Möglichkeit, sie mit einer Taste zu löschen. All diese Szenen tragen denselben Sinn für Präsenz in sich. Jede dieser Formen – Kassette, Dia, VHS, Schallplatte, Dunkelkammerfoto oder ein von Typenhebeln getroffener Bogen Papier – verlangt Berührung, Aufmerksamkeit und Geduld. Sie sind noch immer da, in Schubladen und Archiven, in Museen und Werkstätten, in den Händen von Künstlerinnen, Künstlern und Sammlerinnen und Sammlern. Wenn sie wieder zum Leben erwachen, führen sie uns zurück in eine Zeit, in der Medien greifbar waren, mit eigenem Duft, eigenem Klang und eigenem Licht. Sie bleiben in unserer Nähe, ganz nah, gleich um die Ecke, bereit für das nächste Wiedersehen, das uns lächeln lässt und daran erinnert, wie schön es ist, wenn Dinge Gewicht und Rhythmus tragen.