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Hinter der Geometrie

vor 3 Tagen
4 Min. Lesezeit

Anna-Maria Becher fotografiert Architektur aus unmittelbarer Nähe und folgt dabei dem Rhythmus einer Fassade, dem Wechselspiel von Licht und Schatten und den Details, die aus der Distanz verborgen bleiben. Ihr Interesse am Raum ist eng mit Fragen des Wohnens, der Privatsphäre, der Zugehörigkeit und der Geborgenheit verbunden, ebenso mit psychologischen Perspektiven und der Frage, wie die gebaute Umwelt auf den Menschen wirkt. Im Gespräch mit AH Magazine erzählt sie, wie sie ihre Motive auswählt und sich einem Raum nähert, wann sie sich für Schwarz-Weiß entscheidet und was einem Bild vorausgehen kann.


Anna-Maria Becher, Symmetry of Silence

 

Was hat Sie ursprünglich an monolithischer Architektur angezogen, und wie wurde sie zu einem so wichtigen Teil Ihrer fotografischen Arbeit?


Ausgangspunkt meiner Arbeit war das Interesse am Wohnen als menschlicher Urform, an der Frage, wie Raum das Individuum beeinflusst und wie unterschiedliche gesellschaftliche Konzepte das Zusammenleben strukturieren. Von den Ideen des Bauhauses bis hin zu großmaßstäblichen Wohnkonzepten fasziniert mich die Vielfalt architektonischer Ansätze. Aus dieser Auseinandersetzung heraus hat sich mein Interesse für monolithische oder skulptural wahrgenommene Bauten entwickelt, da sie eine ganz eigene visuelle Kraft haben.


Anna-Maria Becher

Wenn Ihnen ein Gebäude ins Auge fällt, was bringt Sie dazu, näher heranzutreten und darin ein Bild zu entdecken?


Wenn ein Gebäude aus der Distanz meine Aufmerksamkeit weckt, habe ich im Grunde immer das Bedürfnis, näher heranzutreten. Für mich ist das Erkunden vor Ort ein sehr wichtiger Teil des Prozesses, da mich vor allem die verborgenen Blickwinkel und die feinen Nuancen reizen, die sich erst aus unmittelbarer Nähe offenbaren. Ich möchte das Bauwerk genau betrachten, das Areal umrunden und die Atmosphäre bewusst aufnehmen, um ein echtes Gefühl für den Raum zu entwickeln. Erst durch diese direkte Annäherung ergibt sich für mich die Möglichkeit, das Motiv präzise zu erfassen, das Detail zu isolieren und das eigentliche Bild entstehen zu lassen.


In Ihrer Biografie stellen Sie einen Zusammenhang zwischen Ihrer fotografischen Arbeit und der Psychologie her. Wie prägt dieser Zusammenhang Ihren Blick auf Räume?


Vermutlich prägt mein Hintergrund in der Psychologie vor allem mein Bewusstsein dafür, dass Räume niemals emotional neutral sind. Mich interessiert, wie die gebaute Umwelt auf unser Inneres wirkt, lange bevor wir ein Gebäude verstandesmäßig begreifen.

 

Bauten sind für mich faszinierende Schnittstellen: zwischen drinnen und draußen, zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum.

In ihren Strukturen berühren sie grundlegende menschliche Bedürfnisse nach Individualität, Gemeinschaft, Anonymität und Geborgenheit. Hinter jedem Balkon oder Fenster liegt eine eigene Lebenswelt, die im Raster der Gesamtfassade aufgeht, oft ergänzt durch feine Spuren der Zeit.

 

Durch das Reduzieren und Isolieren von Rhythmen, Repetitionen und Formen löse ich die Architektur von ihrer reinen Funktion. Eine Fassade oder ein massiver Baukörper wird dadurch zu einer Projektionsfläche für Stimmungen. Dabei werden genau diese Fragen nach Zugehörigkeit, Distanz und Geborgenheit wieder aufgegriffen und im besten Fall bei den Betrachtenden eigene Empfindungen angeregt.

Räume sind niemals emotional neutral.
Anna-Maria Becher

Könnten Sie eine Ihrer Architekturaufnahmen auswählen und uns erzählen, wie sie entstanden ist, von Ihrer ersten Begegnung mit dem Ort bis zum fertigen Bild?


Meine Arbeiten entstehen meist auf zwei verschiedenen Wegen. Einerseits bin ich spontan unterwegs und reagiere direkt auf ein Bauwerk, das meine Aufmerksamkeit weckt. Andererseits plane ich gezielt Reisen zu bestimmten Orten oder Gebäuden, wie beispielsweise nach Chișinău, wo mich unter anderem der Romanița Collective Housing Tower interessiert hat. Doch auch wenn ich weiß, wohin ich gehe, um zu fotografieren, mache ich mir vorab nie Gedanken darüber, wie ich das Bild aufnehmen werde. Das entscheide ich immer intuitiv vor Ort. Bei dem Gebäude in Chișinău wie auch bei anderen Bauten schaue ich mir das Objekt, wann immer möglich, zuerst von außen an. Ist es erlaubt, betrete ich das Bauwerk, fahre ganz nach oben und arbeite mich schrittweise nach unten. So bekomme ich ein echtes Gefühl für den Raum und die Atmosphäre.

 

Die fertige Aufnahme entspringt schließlich dem Zusammenspiel dieser unmittelbaren Raumwirkung und der spontanen Entscheidung für einen bestimmten Ausschnitt.


Anna-Maria Becher, Symmetry of Silence

Wie gehen Sie bei der Schwarz-Weiß-Bearbeitung Ihrer Bilder vor, und wann wissen Sie, dass eine Fotografie fertig ist?


Schon beim Aufnehmen habe ich meist im Kopf, ob ein Bild schwarz-weiß oder in Farbe sein wird. Wenn eine Szene primär über Licht, Schatten, Strukturen und grafische Kanten funktioniert, weiß ich sofort, dass sie in Schwarz-Weiß ihre stärkste Wirkung entfaltet. Bei Formen und Strukturen bevorzuge ich Schwarz-Weiß, um den Minimalismus zu unterstreichen und eine unverfälschte Wirkung ohne Ablenkung durch Farbe zu erzielen, sodass die reinen Formen ganz für sich wirken können. Den Bildausschnitt versuche ich dabei meistens schon beim Auslösen genauso zu wählen, wie ich ihn im Endergebnis haben möchte. In der Nachbearbeitung reduziere ich das Foto dann auf seine wesentliche Kontrast- und Grauwertdynamik.

 

Ein Bild fühlt sich für mich genau dann fertig an, wenn das Motiv frei von Ablenkung ist und die Geometrie eine ruhige, harmonische Stimmigkeit ausstrahlt.

 

Menschen sind in diesen Arbeiten fast vollständig abwesend, und in Ihrem Statement beschreiben Sie diese Abwesenheit als bewusste Entscheidung. Was möchten Sie erreichen, indem Sie die Architektur im Bild für sich allein stehen lassen?


Der Verzicht auf Menschen in meinen Arbeiten ist eine ganz bewusste künstlerische Entscheidung. Während Menschen einem Bild meist sofort eine klare Zeitebene und eine narrative Handlung geben, verleiht ihm ihre Abwesenheit eine zeitlose Qualität.

Ich möchte die Bauten für sich sprechen lassen und zeigen, dass die Architektur selbst die Hauptdarstellerin ist.

Ohne menschliche Präsenz wird man nicht von einer vorgegebenen Stimmung geleitet, sondern erhält Raum, eigene Emotionen und ganz individuelle Interpretationen in das Bild einzubringen, sodass die Bauten vollkommen aus sich heraus wirken können.


Anna-Maria Becher

Gibt es in Ihrem Werk eine Fotografie, deren Geschichte man allein anhand des Bildes niemals erfahren könnte?


Es ist schwer, ein einzelnes Bild herauszugreifen, da nahezu jede Aufnahme eine ganz eigene, verborgene Geschichte in sich trägt. Auf den ersten Blick sieht man nur die fertige Aufnahme mit ihrer ruhigen grafischen Wirkung, doch dahinter stehen oft persönliche Erlebnisse. Das können spontane Begegnungen mit Menschen vor Ort sein und die daraus resultierenden Gespräche, in denen man plötzlich faszinierende Details über das Leben an diesem Ort erfährt. Dazu gehört auch schlicht der Weg dorthin: die Reisen und das Ankommen an einem Ort, dessen Besuch ich lange im Voraus geplant habe, um ein bestimmtes Bauwerk endlich selbst zu erleben.

All diese kleinen Momente bleiben auf dem Foto unsichtbar, prägen für mich aber die eigentliche Geschichte hinter dem Bild.

Anna-Maria Becher, portrait. Photo: Gabriela Ionascu / Photo Bites.
Anna-Maria Becher, portrait. Photo: Gabriela Ionascu / Photo Bites.

Anna-Maria Bechers Arbeitsprozess ist von Reduktion geprägt: Der Bildausschnitt wird enger, die Architektur entwickelt eine eigene Präsenz und Farbe tritt zugunsten von Schwarz-Weiß zurück, wenn die Form das Bild trägt. Rhythmus, Geometrie und Ruhe bleiben im Zentrum einer bemerkenswert zurückhaltenden Bildsprache.


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