top of page

Dominique Jaussein: Die Signatur des Körpers

vor 2 Tagen
8 Min. Lesezeit

Von jahrelanger Arbeit gezeichnete Füße, ein Rücken, den das Licht modelliert, Hände und Muskeln zwischen Spannung und Ruhe. In Signature gestuelle richtet Dominique Jaussein den Blick aus nächster Nähe auf den Körper des Tänzers. Bewegung erscheint nicht mehr als Choreografie; sie zeigt sich in der Muskelspannung, den Spuren an den Füßen und im Verhältnis des Körpers zum Holz. Die Serie entstand gemeinsam mit George Oliveira, dessen souveräne Beherrschung des eigenen Körpers Teil des fotografischen Prozesses wurde. Im Gespräch mit AH Magazine beschreibt der Fotograf, wie die Bilder entstanden: von den Posen, die Oliveira vorschlug, bis zu seinem Umgang mit Licht, mit dem er dem Körper Volumen verlieh.


Osmose, from the series Signature gestuelle. Photography by Dominique Jaussein.
Osmose, aus der Serie Signature gestuelle. Fotografie: Dominique Jaussein.

Sie haben jahrelang Oper und Ballett fotografiert, in denen der Körper von Bewegung, Kostüm, Inszenierung und Narrativ geprägt ist. In Signature gestuelle verschwindet fast all das. Wie hat sich Ihr Blick verändert, als Sie begannen, den Körper des Tänzers als „lebende Skulptur“ zu betrachten?


Robert Mapplethorpe beschrieb Fotografie einmal als „eine sehr schnelle Art, zu sehen und Skulptur zu schaffen“.

Ich betrachte George daher als Kunstobjekt. Ich suche die perfekte Form, rein und ästhetisch. Ich strebe nach intensiver, harmonischer Schönheit und arbeite mit dem menschlichen Körper als abstrakter Form, als wahrer Skulptur, bestimmt von ihren Kraftlinien, ihrer ruhenden Kraft, ihrer Eleganz und ihrer Ausdrucksfreiheit.

Unsere Zusammenarbeit begann als wortloser Dialog, als Spiel aus Gesten und Licht, aus dem meine Bilder hervorgingen, manchmal ganz zufällig. Aus unserem spontanen, von Begeisterung getragenen kreativen Prozess erwuchs allmählich ein gemeinsames Verständnis, das auf der besonderen Verbindung beruhte, die ich zu George aufbaute, und darauf, dass wir die Persönlichkeit des jeweils anderen entdeckten. Die Magie unserer Fotosessions, Georges Gespür für meine Vision und die Leichtigkeit, mit der er seine Posen aus der Bewegung heraus formte, erleichterten mir die Arbeit. Dieser Bewegungsdialog zwischen George, der seinen Körper vollkommen beherrscht, und mir als Fotograf gab unseren gemeinsamen Sessions Raum, sich zu entfalten.

Jeder Körper hat seine eigene Signatur, seine eigene Identität, seine eigene Geschichte und sein eigenes Potenzial.

Ich folge ihm mit meinem Blick.

Ich ziehe ihn in meinen Raum, in meine Seele.

Und plötzlich: „Stopp, nicht bewegen!“

Dann ist die Aufnahme gemacht.

 

  • L’Homme qui marche, Équilibre (two works) and Symétrie, from the series Signature gestuelle. Photogr
  • L’Homme qui marche, Équilibre (two works) and Symétrie, from the series Signature gestuelle. Photogr
  • L’Homme qui marche, Équilibre (two works) and Symétrie, from the series Signature gestuelle. Photogr
  • L’Homme qui marche, Équilibre (two works) and Symétrie, from the series Signature gestuelle. Photogr

L’Homme qui marche sowie die beiden Arbeiten Équilibre und Symétrie, aus der Serie Signature gestuelle. Fotografie: Dominique Jaussein.


George Oliveiras Gesicht ist in der Serie nur selten zu sehen, doch sein Körper bleibt allein an Haltung, Muskulatur und Gestik erkennbar. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen der Befreiung des Körpers von individueller Identität und der Verwandlung eines Menschen in ein Objekt? Und wie bewegen Sie sich im Spannungsfeld zwischen skulpturaler Form, Sinnlichkeit und Erotisierung?

 

Von Skulptur und Malerei bis hin zu Fotografie und abstrakter Kunst haben Künstler immer wieder versucht, das Wesen körperlicher Schönheit einzufangen und durch Kurven und Volumen tiefe Emotionen zu vermitteln. Skulpturale Form kann Sinnlichkeit und Erotik ausloten, indem sie Begehren, Bewegung und die Taktilität des menschlichen Körpers in Volumen und Textur übersetzt. Künstlerische Aktfotografie ist eine sensible Disziplin, die technische Meisterschaft, ästhetisches Gespür und tiefen Respekt vor dem Gegenüber verlangt. Der zeitgenössische Körper ist zudem zu einem zentralen Ort der Auseinandersetzung mit Identität geworden.


Georges einzige Bitte war, seine Anatomie nicht vollständig zu zeigen, um seine Privatsphäre zu wahren.

Tanz ist eine großartige Ausdrucksform und beginnt beim Tänzer. Der Körper ist seine Stimme, sein Pinsel und seine Feder. Linie, Statur, Gewicht, Proportion und Muskeltonus bilden das Rohmaterial seiner Kunst. Hinzu kommen Können, stilistische Mittel sowie Techniken der Körperhaltung und Ausrichtung. Körpergedächtnis und persönliche Erfahrung sprechen ebenfalls durch den Tänzer und schaffen eine einzigartige Sinneserfahrung.


Tanz formt und belebt den Körper, seine Linien, Haltungen und Zeichen von Absicht, und bedient sich dabei einer codierten Sprache, in der sich Wahrheit ausdrücken kann. Die Bewegungen des Tänzers werden zu einer Sprache, die ans Animalische grenzt. Seine Kunst erlaubt ihm, ungewöhnliche Posen einzunehmen, die Grenzen des Möglichen auszuloten und am Rand des Ungleichgewichts zu balancieren. Er bewohnt den Raum poetisch und tritt in einen Dialog mit der Schwerkraft.

 

L’Homme qui protège le monde, from the series Signature gestuelle. Photography by Dominique Jaussein.
L’Homme qui protège le monde, aus der Serie Signature gestuelle. Fotografie: Dominique Jaussein.

Seine Signatur: das Territorium des Körpers.

Seine Identität: die getanzte Geste.

 

Diese Verdichtung von Eindrücken und Ausdrucksformen war eine unvergessliche gemeinsame Erfahrung. Eine Zusammenarbeit, wie sie sich jeder Fotograf erträumt. Wie Jean-Christophe Maillot, Choreograf und Direktor von Les Ballets de Monte-Carlo, in der Widmung zum Vorwort meines Buches schrieb, ist eine Signatur eine Spur, die man bewusst hinterlässt, um die eigene Identität kenntlich zu machen, eine Identität, die durch das außergewöhnliche Instrument möglich wird, das der Tänzer sich geschaffen hat: seinen Körper. Betrachten Sie diese Fotografien und schauen Sie über sie hinaus. Sehen Sie, wie sich der Tänzer vom Boden löst und ihn wieder berührt.



Dringen Sie zum Kern dessen vor, was Tanz ausmacht. Zwischen Träumen, Fantasien, Begehren und Wirklichkeiten scheinen unsere vielfältigen Identitäten im Zentrum unserer heutigen Sicht auf den Körper und der Fragen zu stehen, die wir an ihn richten. Der zeitgenössische Körper ist gewiss ein Raum der Selbstbehauptung, vor allem aber ein Raum der Suche nach Identität. Passend dazu trägt meine Serie den Titel Signature gestuelle.


Jahresringe, Risse und Maserung des Holzes scheinen oft die Linien von Haut, Muskeln und Füßen fortzusetzen. In L’Homme qui protège le monde umschließt die Figur das Holz, wobei dessen tiefer Riss deutlich sichtbar bleibt. Haben Sie die Posen auf das Holz abgestimmt, und war die Idee des Menschen als Beschützer von Anfang an vorhanden, oder entstand sie erst, als Sie das fertige Bild sahen?

 

Die meisten Posen schlug George vor. Meine Aufgabe bestand darin, sie an das Licht und meine Vorstellung von Eleganz anzupassen, ohne die ursprüngliche Idee des Projekts aus den Augen zu verlieren: den Körper des Tänzers und die Werkzeuge seiner Kunst plastisch herauszuarbeiten. Die Verbindung zum Holz entstand während des Shootings und ließ eine Art „Osmose zwischen Natur und menschlicher Form“ erkennen. Bei L’Homme qui protège le monde wurde uns die Idee des Menschen als Beschützer erst klar, als wir das fertige Bild sahen.


Méditation, from the series Signature gestuelle. Photography by Dominique Jaussein.
Méditation, aus der Serie Signature gestuelle. Fotografie: Dominique Jaussein.

 

In Don de soi werden die Fußsohlen, ein Teil des Tänzerkörpers, den das Publikum fast nie aus nächster Nähe sieht, zum zentralen Motiv. Wollten Sie sichtbar machen, was die scheinbare Mühelosigkeit des Balletts meist verbirgt: Disziplin, körperlichen Verschleiß und den Preis des Tanzes?

 

Ja, absolut. Die Füße tragen den Tänzer. Wenn ich die Füße eines Tänzers sehe, weiß ich, wie er den Boden berührt; wenn ich seine Oberschenkel sehe, stelle ich mir vor, wie er sich vom Boden abstößt; und wenn ich die Textur seiner Haut sehe, spüre ich, wie er seine Rollen lebt und verkörpert. Ich wollte die Werkzeuge zeigen, die ein Tänzer im Laufe seines Lebens schmiedet, oft unter großen Opfern, um seine Kunst ausüben zu können. Ich wollte auch den Schmerz zeigen, den Tänzer in ihren Füßen ertragen, den unverzichtbaren Instrumenten dieser Kunst. Dieser Schmerz entsteht durch die extreme Beanspruchung der Füße beim Tragen des Körpergewichts, beim Spitzentanz und auf Halbspitze. Diese Beanspruchung führt zu Muskelüberlastungen und spezifischen körperlichen Beschwerden. Darüber hinaus zählen wiederholte Mikrotraumata und chronische muskuloskelettale Erkrankungen, die vor allem Füße, Knie, Hüften und Rücken betreffen, zu den körperlichen Folgen.


Hinter jedem anmutigen Sprung und jeder scheinbar mühelosen Streckung steht ein Körper, der Enormes aushalten muss. Für viele Tänzer auf höchstem Niveau gehört Schmerz zum Alltag, und Verletzungen werden zu unerwünschten Begleitern. Das meine ich mit dem körperlichen Preis der Kunst. Statt den Tanz selbst in den Mittelpunkt zu stellen, modellieren meine Fotografien die Stille vor der Bewegung. Die Spur dieser Bewegung bleibt dennoch ins Fleisch des Tänzers eingeschrieben. Der Körper ist lebendige Materie und reagiert auf seine Unterlage, meist einen einfachen Holzblock mit Maserung und Rissen. Rinde, Furchen und die Texturen von Körper und Holz greifen ineinander, bleiben dabei unterscheidbar und fließen stellenweise zusammen. Das eine setzt das andere fort. Die fast zärtliche Demut des Körpers legt sich um das Holz. Das Alter, mit den Rissen des Holzes verbunden, stützt den Körper und bietet ihm eine Basis, einen Sockel. Gekrümmte Zehen, bis zum Äußersten gespannte Muskeln und die Wellen des Fleisches weben ihren nächtlichen Schimmer, während allein die Hände lauter sprechen als die Stille.


Es ist eine Religion der Linien, der Hautstruktur, der Schatten und einer austarierten Gegenseitigkeit.

Es ist ein Austausch zwischen Licht und Dunkelheit, Holz und Fleisch, Festigkeit und Bruch.

Es ist auch ein Geduldsspiel, sei es im Werk selbst, im Prozess oder in den daraus entstehenden Bildern.

 

Bei näherem Hinsehen bilden Körper und Holz ein geschlossenes Ganzes, das ohne den Geist dahinter nicht hätte entstehen können.


Don de soi, from the series Signature gestuelle. Photography by Dominique Jaussein.
Don de soi, aus der Serie Signature gestuelle. Fotografie: Dominique Jaussein.

Die Haut wirkt in dieser Serie manchmal weich und organisch, dann wieder beinahe metallisch oder steinartig. Wie viel von diesem Effekt entsteht durch das Licht und den Körper selbst vor der Kamera, wie viel in der Nachbearbeitung und wie viel erst im fertigen Piezography-Abzug?

 

Wer Körperfotografie verstehen und beherrschen will, braucht fundierte Kenntnisse der Techniken, mit denen sich die Schönheit des menschlichen Körpers aus verschiedenen Winkeln und unter unterschiedlichen Lichtbedingungen erfassen lässt. Licht steht im Zentrum meiner Arbeit. Es wirkt wie ein Pinsel und zeichnet die Konturen und Formen des menschlichen Körpers heraus. Fotografen lassen sich häufig von großen Meistern der Malerei wie Picasso und Cézanne inspirieren, um ein spannungsvolles Wechselspiel von Licht und Schatten zu schaffen. Ich bevorzuge Schwarz-Weiß, weil mir der Kontrast erlaubt, die räumliche Tiefe im Bild zu betonen.

Ebenso wichtig ist die Wahl des Modells. Jeder Körper ist einzigartig und erzählt eine andere Geschichte. Georges Geschichte entfaltet sich vor meiner Kamera, während er sich entblößt. Auch die Nachbearbeitung gehört zum Prozess. Software wie Photoshop ermöglicht es mir, Details zu verfeinern, Kontraste anzupassen und mit Licht und Schatten zu arbeiten, um das Motiv hervorzuheben. Das sind die einzigen Eingriffe, die ich an meinen Bildern vorgenommen habe.

 

Zum Schluss nutze ich Piezography Pro, ein spezialisiertes Druckverfahren. Das System umfasst zehn Tinten plus einen Glanzoptimierer: vier warmtonige Tinten, vier kalttonige Tinten, Mattschwarz und Fotoschwarz. Für die Prints werden neun monochromatische Tinten eingesetzt. Das Verfahren liefert glänzende Prints mit sehr feinen Details und matte Prints mit reicher Tonwertnuancierung. Zugleich ermöglicht es variable Tonalitäten und feine Verläufe ohne sichtbares Banding und bietet damit große Flexibilität im monochromen Druck.


Signature gestuelle, exhibition view, Musée de la Photographie Charles Nègre, Nice, 2026. Courtesy of Dominique Jaussein.
Signature gestuelle, Ausstellungsansicht, Musée de la Photographie Charles Nègre, Nizza, 2026. Mit freundlicher Genehmigung von Dominique Jaussein.

Sie selbst bleiben in Signature gestuelle außerhalb des Bildes, doch die Serie entstand aus Ihrem Blick, Ihren Entscheidungen und Ihrer engen Zusammenarbeit mit George Oliveira. Wie viel Dominique Jaussein steckt tatsächlich in diesen Fotografien? Gibt es in der Serie etwas Persönliches, das sich allein beim Betrachten der Bilder niemals erschließen würde?

 

An diese Phase meiner Arbeit ging ich mit einer Mischung aus zarter Harmonie und beunruhigender Kühnheit heran. Diese Eigenschaften spiegeln die sinnliche Ästhetik der Bilder und meine tiefe Überzeugung wider, dass Schönheit viele Formen annehmen kann. Als Perfektionist suchte ich nach ästhetischer Vollkommenheit im Körper und in seinen Linien. Mein Blick galt den Muskeln, wenn sie sich strecken und ihr Volumen zeigen. Der menschliche Körper steht im Zentrum dieser Suche und verändert unsere Wahrnehmung von Zeit und Raum.

Doch wie schafft man aus einem von Natur aus flachen Material wie Fotopapier eine Skulptur?

Durch Lichtnuancen, die jedes Detail hervortreten lassen. Ich hatte das Privileg, diese Art des Umgangs mit Licht im Pariser Studio Harcourt zu meistern, das für Exzellenz und handwerkliches Können bekannt ist.


Wie ein Bildhauer formt der Fotograf das Licht, das sein Motiv umgibt, und schafft eine Symphonie aus Schatten und Licht, so immateriell wie eine Berührung. Der Körper wird zum Objekt, zu einer echten lebenden Skulptur. Die Fotografie hält damit in zwei Dimensionen eine Skulptur fest, die per Definition in drei Dimensionen existiert.

Mit meinen Bildern feiere ich Anmut und Kraft des menschlichen Körpers und halte flüchtige Momente fest, in denen Muskelspannung, fließende Bewegung und Mimik zu einer eindringlichen Ästhetik zusammenfinden.


Der Körper des Tänzers ist ein lebendiges Medium, das sich dem Blick in jenem Augenblick zugleich zeigt und entzieht, in dem seine Formen und Bahnen erkennbar werden. Durch das „Schreiben“ mit Licht wird Fotografie zu einer wortlosen Sprache. Sie bewahrt Begegnungen, in denen Kunst, Vision und Emotion zusammenkommen.


Dominique Jaussein. Portrait by Alain Gonthier.
Dominique Jaussein. Porträt: Alain Gonthier.

Der Fotograf spricht von der Vollkommenheit der Form, doch Signature gestuelle trägt die Spuren der Arbeit: von Belastung geprägte Füße, Haut unter präzise gesetztem Licht und die Risse und Jahresringe des Holzes. George Oliveira schlägt viele Posen selbst vor; der Fotograf passt sie anschließend dem Licht und seinem eigenen Formempfinden an. Ihr gemeinsamer Prozess endet in dem Moment, in dem die Bewegung lange genug innehält, um zur Fotografie zu werden.


Dominique Jaussein | WEB | INSTAGRAM | FACEBOOK

bottom of page