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ISIDORA CALDOVIC

  • 25. Feb.
  • 9 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Feb.

Makeup artist & visual creator


Isidora Caldovic, Ah Magazine

Isidora Caldovic arbeitet an der Grenze zwischen Schatten und Glanz, zwischen Kontrolle und Spiel. Ihre Arbeiten leben von Textur, Schichtung und Kontrast - mit einer Detailgenauigkeit, die sofort ins Auge fällt. Ihre Geschichte beginnt in der Mode, führt sie von Belgrad nach Bologna und öffnet sich dort in Richtung Make-up, Special Effects und visuelle Erzählformen, in denen das Gesicht zur Leinwand und Identität zum Material der Erkundung wird. Ihre Arbeiten verbinden Rohheit mit Präzision, barocke Anklänge mit zeitgenössischem Ausdruck, Sinnlichkeit mit Irritation. Am deutlichsten zeigen sie sich im Detail – in der Art, wie sie Extreme mit Eleganz verbindet und dabei ihrer eigenen inneren Logik treu bleibt.


In diesem Gespräch spricht sie über Prozesse, über das Bedürfnis nach einer eigenen Handschrift, über Dunkelheit als Raum der Freiheit und über Make-up als Ausdrucksmittel statt bloßer Verschönerung. Es ist ein Gespräch über Gestaltung, über Entscheidungen und darüber, wie eine eigene visuelle Sprache entsteht – Schicht für Schicht.


Gehen wir zurück zum Anfang. Die Mode hat dich zunächst von Belgrad nach Bologna geführt. Was hast du damals gesucht, und was hast du unterwegs über dich und deinen Geschmack gelernt?


Mit 16 wusste ich bereits, dass ich mehr wollte. Ich wusste nur noch nicht genau, was dieses „Mehr“ bedeutet. Vielleicht habe ich bis heute keine endgültige Definition dafür, aber ich kenne die Richtung, in die ich gehe. 2019 bin ich nach Bologna gezogen. Ich suchte neue Erfahrungen, einen erweiterten Horizont, ein Abenteuer, einen Wandel. Das eigene Land zu verlassen ist eine der größten Veränderungen, die man erleben kann. Ich wollte neue Kulturen kennenlernen, eine andere Art zu leben, Unabhängigkeit. Zu lernen, allein mit sich selbst zu sein, ist selbst im vertrauten Umfeld nicht leicht – in einem neuen Land noch weniger.


Am Anfang fühlte es sich an wie in einem Film. Alles fügte sich, Möglichkeiten ergaben sich, ich lernte neue Menschen kennen, und es machte Spaß. Das tut es noch immer. Damals jedoch war da auch eine gewisse Naivität. Dann kam Covid. Für mich war das für uns alle ein Wendepunkt – eine Kreuzung, die wir passieren mussten, um an einen neuen Ort zu gelangen. Schönheit liegt im Auge der Betrachtenden, und jede Person trägt eine eigene Vorstellung davon in sich. Mich haben immer das Ungewöhnliche, leicht Abseitige angezogen. Ebenso die Haltung, anders zu sein – unabhängig davon, was andere denken. Unterwegs habe ich erkannt, dass ich genau das geworden bin, auch wenn ich unbewusst schon lange darauf zugesteuert habe. Ich habe verstanden, dass ich nicht für alle bin – und auch nicht alle in meinem Umfeld brauche. Ich bin kommunikativ und offen, aber ich brauche meine Zeit allein, und dieses Bedürfnis ist mit den Jahren gewachsen. In diesen Momenten kehre ich zu meinem inneren Ausgangspunkt zurück. Dann arbeite ich am konzentriertesten. Ich nenne es Gestalten, denn jede Form von Ausdruck ist für mich Gestaltung. Etwas Schönes zu erschaffen, etwas Exzentrisches, manchmal Morbides oder Groteskes – aber immer etwas Eigenes. Es ist Teil meines Alltags geworden, und in diesen Momenten fühle ich mich am vollständigsten. Lebendig.

 

Mein Geschmack hat sich von Jahr zu Jahr verändert, doch ein Element ist geblieben und inzwischen Teil meiner Persönlichkeit geworden. Schwarz. Dunkelheit. In der Dunkelheit liegt eine besondere Freiheit. Schwarz bleibt Schwarz, und die Möglichkeiten sind grenzenlos. Es kann elegant wirken, sinnlich, provokant, extrem – und passt sich jeder Persönlichkeit an. Mein Geschmack entwickelt sich weiter. Neue Orte zu entdecken, neue Texturen, Farbkombinationen, sich selbst auf unterschiedlichen Ebenen neu kennenzulernen – das hat etwas Magisches. Geschmack verändert sich, genauso wie die Welt um uns herum. Das gehört zu den leisen Seiten des Älterwerdens.

Mode war dein Ausgangspunkt, später wurde Make-up deine wichtigste Ausdrucksform. Wann hast du gemerkt, dass du darüber deine eigene visuelle Sprache entwickeln kannst?


Isidora Caldovic, Ah Magazine

Ich würde sagen, das war nach Covid. Als ich jünger war, mochte ich Make-up eigentlich nicht besonders. Heute würde das niemand vermuten, aber es stimmt. Am Anfang waren es Strasssteine, sorgfältig auf mein Gesicht gesetzt, danach kam Glitter.

*** Ein kleiner Tipp: Wer glänzen möchte, liegt mit Nail-Glitter richtig. Eine dünne Schicht Wimpernkleber oder - noch besser - spezieller Glitterkleber genügt. Anfangs spürt man vielleicht ein leichtes Gewicht auf dem Lid, aber daran gewöhnt man sich schnell. Sobald der Kleber leicht angetrocknet ist, den Glitter auftragen - und voilà. Glanz, der bleibt, bis man ihn entfernt. Einfach, schnell, wirkungsvoll.


Glitter wurde neben der Dunkelheit zum zweiten Teil meiner Identität. Ja, ich bin ein wandelnder Widerspruch. Ich liebe Extreme. Von einem Pol zum anderen zu gehen, war für mich immer selbstverständlich. Wenn Dunkelheit präsent ist, leuchtet Glitter umso stärker. Kontraste ziehen an. Das Spiel von Licht und Schatten ist eine alte Geschichte.

 

Nach dem Glitter kamen Farben und Formen, dann Texturen. Nach und nach wurde aus Neugier ein Bedürfnis – das Bedürfnis nach einer eigenen Handschrift. Dieses Bedürfnis führte mich zum IAM – Institute of Art and Make-Up in Bologna. Dort erwarb ich mein Diplom als professionelle Make-up-Artistin und tauchte in die Welt der Special Effects ein. Die Ausbildung eröffnete mir neue Perspektiven, neue Techniken und Begegnungen mit großartigen Menschen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Gibt es Künstler:innen, die dich mehr durch ihre Denkweise als durch ihren Stil inspirieren?


Definitiv. Im Bereich Make-up sind das Mei Pang, Danessa Myricks, Ellis Atlantis, James Vincent, Joey Elliot, Ophelia Liu, Yan Fang und Vanessa Davis. Die Liste ließe sich fortsetzen, aber das sind einige meiner Favorit:innen. Darüber hinaus steht Lady Gaga für mich an erster Stelle. Danach folgen viele weitere: Steven Meisel, Marius Sperlich, Rihanna, Henrik Aa. Uldalen, Dolaana Davaa, Darya Krutsyuk und Jack Vettriano zählen zu meinen prägenden Inspirationsquellen. Jede dieser Persönlichkeiten hat eine eigene Handschrift und eine Art zu denken, die ich faszinierend finde. Ihre Arbeiten ziehen einen in den Bann – man schaut, denkt, hört zu.


Und dann sind da Bücher – eine unerschöpfliche Quelle. Beim Lesen ist man auf Worte und die eigene Vorstellungskraft angewiesen. Das hat etwas Kostbares. Auch bestimmte Epochen inspirieren mich. Der Barock zum Beispiel hatte großen Einfluss auf meine letzten Arbeiten.

 


Isidora Caldovic, Ah Magazine

Wenn du ein neues Projekt beginnst – was ist dein erster konkreter Schritt, und wie entsteht daraus der gesamte Look?


Das hängt vom jeweiligen Look ab. Am Anfang steht immer ein Konzept, das sich unterschiedlich zeigen kann: als Bild im Kopf, als Gefühl, als Wort. Manchmal knüpft es an ein bestimmtes Kunstwerk oder eine Farbpalette an. Die Möglichkeiten sind offen. Danach folgt Recherche – mein liebster Teil. Pinterest wird dann zu meinem engsten Begleiter. Visuelle Recherche ist für mich genauso wichtig wie das Lesen von Texten. Ich verbringe Stunden damit, damit mir kein Detail entgeht.


Details sind für mich essenziell. Ich bin überzeugt, dass vieles um uns herum in Details lebt. Ebenso glaube ich, dass alles seinen Platz hat und aus einem bestimmten Grund geschieht. Und dann gibt es noch die andere Seite des Schaffens. Ich setze mich vor den Spiegel und spüre den Wunsch nach einer bestimmten Farbe. Vielleicht soll es an diesem Tag Blau sein oder Rot. In solchen Momenten folge ich meinem Gefühl und lasse meine Hände entscheiden. Diese Phasen sind befreiend. Sie bewegen sich jenseits klassischer Schönheitsnormen und haben eine eigene Seele. Für mich bedeuten sie Entlastung.

Du arbeitest mit Masken, Schichten, 3D-Elementen und starken Texturen. Welcher Teil des Prozesses bereitet dir die größte Freude, und welche Fähigkeit hat dir ermöglicht, so komplexe Arbeiten umzusetzen?


Isidora Caldovic, Ah Magazine

Ich unterscheide meine Fähigkeiten nicht nach Wichtigkeit. Sie bilden ein persönliches Archiv dessen, was ich seit meiner Kindheit gelernt habe.

Mir war es nie fremd, mir im kreativen Prozess die Hände schmutzig zu machen. Der Drang, mich auszudrücken, war immer da. Mein Modestudium hat mich stark geprägt – vom Farbverständnis bis zum Experimentieren mit Texturen und Techniken. Es gab mir den Mut, Make-up aus einer anderen Perspektive zu betrachten - nicht nur als Verschönerung, sondern als Ausdruck und Erforschung. Make-up kann Identität formen, verschieben, verwandeln. Die Möglichkeiten sind weit - und so habe ich etwas lieben gelernt, das mir früher fernlag.

 

Am meisten genieße ich den Moment des Malens. Ich kann stundenlang an Details arbeiten. Das Zusammenspiel von Techniken, Farben und Texturen bringt am Ende eine tiefe Zufriedenheit mit sich. Dieses Gefühl lässt sich kaum in Worte fassen.

Die Maske mit dem Totenschädel und den goldenen Ornamenten, entstanden im Rahmen deiner Abschlussarbeit im Bereich Special Effects, wirkt wie eines der komplexesten Werke, die du bisher realisiert hast. Wie viel Zeit hat ihre Entstehung in Anspruch genommen, wie bist du von der ersten Idee bis zur finalen Form vorgegangen, und was war dir in diesem Prozess besonders wichtig zu bewahren?


Ja, in diesem Bereich würde ich definitiv sagen, dass es sich um eines meiner komplexesten Werke handelt. Der gesamte Prozess erstreckte sich über etwa ein Jahr, da ich nur einmal pro Woche Unterricht hatte. Betrachtet man jedoch den Kern des Projekts, dauerte die aktive Arbeitsphase ungefähr zwei bis drei Monate.


Ich habe Anatomie und Schädel schon immer geliebt – sie haben mich von jeher fasziniert und angezogen. Eine meiner Lieblingsserien in meiner Jugend war „Bones“. Viele empfinden diese Thematik als morbide, weil sie mit dem Tod verbunden ist. Für mich erzählt sie jedoch ebenso eine Geschichte vom Leben. Ohne Knochen könnten wir nicht funktionieren, und ohne Schädel wären unser Gehirn und alles, was sich in unserem Kopf befindet, nicht geschützt.

Meine erste Figur trägt den Namen „Königin des Todes“.


Als unser Professor uns zum ersten Mal aufgab, eigene Charaktere zu entwickeln, kam es für mich nicht infrage, eine bereits existierende Figur aus der Filmwelt oder aus dem Bereich der Special Effects zu übernehmen und zu kopieren. Ich wollte etwas Eigenes erschaffen. Es sollte dunkel sein, Hörner tragen, barocke Elemente enthalten und eine gewisse Schwere ausstrahlen. Um diesem königlichen, majestätischen Gefühl Ausdruck zu verleihen, habe ich Gold eingesetzt. Mein Ziel war es, Angst und Eleganz miteinander zu verbinden - etwas, das viele als bedrohlich empfinden, zugleich schön und überwältigend wirken zu lassen.


Isidora Caldovic, Ah Magazine

In deiner Abschlussarbeit betrachtest du Verführung als Psychologie und als Form von Macht und übersetzt sie in eine modische Sprache. Was war dir in diesem Projekt am wichtigsten, und wo siehst du heute die Fortsetzung dieser Themen in deiner Arbeit mit Make-up und Special Effects?


Jemanden zu verführen bedeutet im Kern, Macht über ihn zu besitzen. Doch das ist weniger dramatisch, als es zunächst klingt. In gewisser Weise möchte jede:r von uns von etwas oder jemandem verführt werden. Jede:r kann verführt werden - entscheidend ist, was uns bewegt und erfüllt. Die Fähigkeit, damit bewusst umzugehen, ist eine Form von Macht. Je nach Kontext oder Person kann sie positive oder negative Auswirkungen haben.


Jemanden davon zu überzeugen, dass ihm eine Idee oder ein Gedanke gefällt, ist keineswegs banal oder einfach. Manche Menschen scheinen mit dieser Fähigkeit geboren zu sein, andere entwickeln sie durch Erfahrung und Lernen. Deshalb investieren Menschen Minuten, Stunden, Tage, Monate und Jahre in psychologische, physische und materielle Forschungen. Heute verfügen wir über ein enormes Archiv an Wissen zu diesem Thema.


Ebenso ist es anspruchsvoll einzuschätzen, was eine Person auf ihrem Gesicht tragen möchte. Wenn dir Kund:innen ihr volles Vertrauen schenken und du mit ihrem Gesicht arbeitest, trägst du eine große Verantwortung. Du arbeitest dabei auch mit ihrer Identität. Genau hier entfaltet Verführung ihre Wirkung - subtil oder direkt, besonders dann, wenn jemand selbst noch nicht genau weiß, was er oder sie möchte.


Im Bereich der Special Effects gilt Ähnliches, nur ist das Feld weiter und die Möglichkeiten sind freier, da es im Kern um visuelle Transformation geht. Es ist die Freiheit, der Fantasie Raum zu geben und sie durch Werke sprechen zu lassen – nicht nur durch Worte.


Letztlich ist der respektvolle Umgang mit Menschen in jedem Bereich von zentraler Bedeutung, unabhängig davon, mit wem wir arbeiten oder wo wir uns befinden. Situationen richtig einzuschätzen und angemessen zu handeln, ist aus meiner Sicht essenziell und beeinflusst alles in unserem Umfeld.

Wenn du heute auf deinen Weg blickst - nach der Akademie und zahlreichen Weiterbildungen - was begeistert dich im Moment am meisten, und wohin möchtest du dich weiterentwickeln?


Isidora Caldovic, Ah Magazine

Ganz ehrlich? Die Tatsache, dass ich mir in ein paar Monaten ein Motorrad kaufe, haha.


Scherz beiseite: Ich möchte mich stärker auf Editorial-Make-up und die Modeszene konzentrieren. Besonders reizvoll fände ich ein Fantasy-Projekt mit außergewöhnlichen, radikalen Charakteren - das umzusetzen wäre großartig. Film ist ebenfalls eine Option, allerdings bin ich mir noch nicht sicher, ob ich diesen Weg einschlagen möchte. Jede Erfahrung erzählt ihre eigene Geschichte.


Derzeit liegt mein Fokus auf Social Media, um zu sehen, welche Möglichkeiten mir TikTok und Instagram eröffnen. Ich bin überzeugt, dass dort viel Potenzial liegt.

Mein Ziel ist es, dass Make-up und künstlerisches Schaffen generell zu meiner täglichen beruflichen Realität werden. Das ist mein aktueller Gedanke – wohin der Weg darüber hinaus führt, wird sich zeigen.


Bei ihr läuft alles auf eine Entscheidung hinaus: das Gesicht als Raum der Freiheit zu begreifen. Mal über Dunkelheit und Hörner, mal über Glitzer, der neben Schwarz seine stärkste Wirkung entfaltet, mal über eine Farbe, die an diesem Tag dominiert. Von der Mode bis zu den Special Effects entwickelt sie ihre eigene visuelle Sprache über den Prozess, die Recherche und die Details, zu denen sie immer wieder zurückkehrt.


Und wie geht es weiter? Editorial-Make-up und die Modeszene rücken näher, Fantasy-Projekte ziehen sie stark an, während Film eine Option bleibt, die sie noch abwägt. Und dazwischen steht ihre Arbeitsweise: Konzept, Recherche, Detail, und erst dann der finale Look.


Isidora Caldovic

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